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Full text of "Verhaeren, Zech Die Wogende Saat 1917"

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Emile Verh aeren 


Die wogende Saat 

Deutsche Nachdichtung 

von 

Paul Zech 



Im Insel-Verlag zu Leipzig 

1917 






DIE WOGENDE SAAT 




OSTERN 


Fr£re Jacques, fr£re Jacques, 
Dorroez-vous? 

Chanson popul aire. 


Bruder Jakob, Bruder Jakob 
fahr aus deinem tiefen Wintertraum : 
an den Sträuchem funkelt grüner Flaum, 
golden flutet Osterahnen durch den Raum, 

Bruder Jakob. 

An den Hecken, am Gebüsch vorbei, 
wo dein herbst- betäubtes Haupt entschlief, 
machte Wind den blinden Nebel frei, 
der durch unbegrenzte Straßen lief, 
über Felder schwamm und Urwald-Fremden. 

Und die Eichen, in den schwarzen Büßerhemden, 
die ein Brausen tief zur Erde bog, 
ließen sich das krause Haar zerpflücken, 
das wie dumpfer Fall von Kupferstücken 
auf die Zipfel deines Lagers flog. 

Bruder Jakob, 

wochenlang ist weicher Schnee gefallen 
über deine Schenke], deine Hand 
und hat breite Risse eingebrannt. 

Silbern glänzen Reifkorallen 

in den Strähnen deines wilden Barts, 

in den Falten deiner Kutte aus Gestrüpp und Harz. 

Frost hat deine Säfte eingefroren, 

und die Wangenröte ging im Sturm verloren, 

deine Stirn ist brüchiger Basalt. 



Wie ein Toter im Gewölbezwinger, 

hast du deine Knie hochgezogen und die Finger 

in den Busen eingekrallt. 

Bruder Jakob, 

sieh, zwei Primeln und drei Anemonen 
hoben aus dem Reif die gelb und roten Kronen. 

Auf dem Kirschbaum, der dein Lager überbaut, 
mit geschweifter Gimme und geschwungnen Zweigen, 
ist nach langem abgeschiedenem Schweigen 
wieder eine göttliche Amsel laut. 

Ach, du willst noch immer nicht erwachen 
aus dem Ekel dieser flachen 
und vermorschten Maskerade. 

Spürst du nicht, daß Bienen deine Schnarchgeräusche 

überstimmen, 

und zwei weiße Schmetterlinge auf und nieder schwimmen, 
wo dein Bart verdunkelt geht wie Brombeerpfade? 

Ja im Traum, den Morgenröte überfuhr, 
spürst du schon die frohe Glockenspur, 
die nach Rom sich rüstig drängt. 

Und die Türme feiern bis zum dritten Tag, 

und wenn du erwachst, geht kaum noch Uhrenschlag, 

Feld hat dunstig-grauer Gram verhängt. 

O, dann schüttelst du aus deinem Manteltuch, 

das die Dornen säumen, wild den bösen Winterfluch, 

Bruder Jakob, und läßt deine Arme toben 

wie Fanfaren und wie Glocken durch die Welt, 

bis die Wiesen und das Birkenzelt 

kaum die Waller fassen, die sich eilen Gott zu loben. 


8 



In den Gärten überall 

tönen Kuckucksrufe als ein Widerhall, 

und Insekten spinnen Silbernetze durch die Weiten. 

Saft schießt in die Stämme wild, 

und Johannisbeere schwillt, 

deine Schritte in das Dorf zu leiten. 

Braune Knechte folgen dir den Hohlweg lang, 
und das Windgewitter kommt in Überschwang, 
wo dein Hauch die Knospenlippen einer Rose streift 
und die schwachen Kolben junger Ähren steift. 

Bruder Jakob, Bruder Jakob, 

Herz der Erde, zart und überall, 

Drosselschlag und Orgelschwall, 

Bruder Jakob, Bruder Jakob, 
o du glockengewaltiger Osterhall! 


% 


9 



DIE LANDSTRASSEN 


Wie Nägel heften große Pflastersteine 
die Straßen auf die Erde fest, 
die Straßen, die von Ost und West 
dies Land der Saaten und der Koniferen 
wie Strahlen einer Riesensonne queren. 

Die älteste von ihnen sah das Götterheer, 
das weit von Rom kam und vom Meer: 
sich in die Gärten der Barbaren zu ergießen. 

Die zweite hat den Schritt der Fee erfahren, 

die durch die Wiesen glitt, Mondsilber in den Haaren 

und Sterne auf des blauen Mantels Schulterschließen. 

Und eine ist, die immer dorthin schwebt, 

wo Jesus Christus steinern auf die Felder schaut 

und eine Jungfrau, mauerhart umbaut, 

ihr ewiges Muttergottesdasein lebt. 

Doch diese hier sah Rauch und rote Fahnen wehn 
und hat den Krieg gesehn. 

Wenn Winter alle Weiten weiß ummauert 
und Leben sich um die Kamine kauert, 
knirschen die Straßen mit den Zähnen laut 
in das Gewölk, das alle Dinge übergraut. 

Erst wenn die Knospentage wieder flammen, 
kehrn sie ins Land zurück, aus dem sie stammen, 
umfassen und umarmen alles, was sich regt: 
den Sämann und das Pferd, das Pflug und Wagen fort- 

bewegt ; 

die Knaben, die, um Nester aufzustören, 
durch die Gebüsche wehn, 

und Mädchen, die ergriffen auf den Hügeln stehn, 
die hellen Triller einer Lerche anzuhören. 

dO 



Die Straßen brechen auf, wenn Frührot brennt, 
und wandern unter Bäumen, die Tom Tau erwachen, 
vorbei an Fluß und Weiden in das Dorf, wo helles Lachen 
aus goldnen Fenstern tönt. Und kein Ermüden kennt 
der Zug der Straßen. Rüstig schreiten sie an Zäunen 

schief 

und Mauern krumm vorüber. Bäumen sich und stürzen 

tief, 

wie Bach und Berge brüsk gebieten. 

Und manchmal bleiben sie wie festgeschlossen stehn, 
wenn Kleefeld duftet, oder von den Roggenmieten 
die herben Brotgerüche wehn. 

Der Mittag sieht sie einsam gehn, nur über ihre Rücken 

fegt 

der Schatten von den großen Wolkenwagen. 

Und dann sieht man sie Lücken in die Felder schlagen, 
wo sich der Tausendarm der Arbeit regt. 

Die eine biegt nach rechts und muß sich wieder links 

hinwinden 

zu einem Bauern, der Kartoifeln häuft, 
zu einem Hund, der hinter Schafen läuft. 

Die andere äugt durch Dornen jenes Haus zu finden, 

woBesenbinder keuchtund keuchen muß, um zu verdienen. 

■ 

Der höchsten aber und der breitesten von ihnen 

sind auf dem Rücken schwere Lasten aufgeschnallt; 

und wenn die riesigen Gespanne und der Wagen Wucht 

hindonnem in das Purpurblau der Abendbucht, 

meint man ein Dorf zu sehen, 

das mit roter Dächer rauchendem "Verwehen 

breit in das silberne Meer der Sterne wallt. 

Vom Sonnenaufbruch bis zum Sternenflug 

ist dieser Straßen schmaler Zug und breiter Zug 

in das vielfältige Gewühl der Sommerlandschaft eingestellt. 


11 



Und viele sind versammelt in den Grenzen dieser kleinen 

Welt, 

denen die Nachbarschaft der Straßen eine Mitte ist, 
die tausend Dinge anhört und vergißt. 

Und jedes Schreiten tönt den Straßen zu wie Schlagen 

einer Uhr; 

sie wissen, wer es tönt, und wissen aller Töne Spur. 

Sie fahren alle Toten auf das Feld hinaus 

und jagen mit den Kindern in die Schule, 

begleiten fromme Frauen in das Gotteshaus 

und wissen, wo ein Knecht sich trifft mit seiner Buhle. 

Sie kennen jeden Mörder, der in die Gebüsche flieht, 

sie wissen, was in jedem Haus geschieht, 

und müssen Erntetanz und Stöhnen aus den Fieberbetten 

mit gleicher Lust von Ebene zu Ebene ketten. 



DIE ROGGENMIETEN 


Wie Zelte, für das Brotkorn aufgestellt, 
versammeln sich die brüderlichen Mieten 
auf dem verschneiten uferlosen Feld: 
dem wuchtigen Wind die breite Stirn zu bieten. 

Die Mäher aus den Dörfern bauten sie 
mit ihren muskelbraunen Ellenbogen 
und dem Gewicht der stählernen Knie, 
als noch die Schwalben blaue Schleifen zogen. 

Die Ähren sind die Mitte in dem Bau. 

Das Stroh jedoch ist wie ein Wall von Speeren 
nach außen hingedrängt und steift sich, rauh 
und rücksichtslos, Einbrecher abzuwehren. 

Die Roggenmieten stemmen diesen Wall 
den Salven, die November knallt, entgegen; 
sie sind geschützt vor weißer Fröste Überfall 
und vor den Pranken der Gewitterregen. 

Sie reifen in dem Jahr der Festungswut 
die eingeschloßnen Kräfte aus den Erntetagen. 

Dem Korn, das wie ein Herz in ihrem Innern ruht, 
hat keinmal aufgehört der Keime Puls zu schlagen. 

Schroff abgegrenzt vom Dorf, wo man den Göpel hört 
und wo man Gerste drischt auf harten Tennen 
und abends fahle Lampensterne brennen, 
sind sie der Ort für sich, den keine Lärmlawine stört. 

Sie sind des Schweigens Zuflucht und Verlies 

und müssen zwielichtschwanger Nacht an Nacht hinaus- 

gebären. 


13 



Streut dann der Mond aufs Feld den Silberkies 
und kommen Sterne her auf Wolkenfähren : 
beginnen sich die Roggenmieten aufzurichten 
und wachsen, über des geduckten Dorfes Dächer, 
hoch in den Äther wie ein Wald von Turmgewichten, 
und ihre Schatten wandern weit hinaus wie Bäche. 

ft ■ 

Doch wenn kein Frost mehr Acker überklirrt 
und Knospengrün durch braunes Dickicht schwirrt, 
erglänzt der Roggenmieten feuchte Front 
wie von dem LenzUcht durch und durch gesonnt. 

Der Brisen Flügel bringen lauen Süd 
von Ebenen, wo roter Pfirsich blüht. 

Die Lerche knüpft ein Glockenseil, wo Gottes Kuppel 

blaut, 

und gleitet läutend abwärts und wird unten laut, 
bis sich die moos verstopften Fenster wieder weiten . . . 
O diese Stunde, wo die Roggenmieten sich bereiten, 
das Jungvolk zu empfangen, dem am Feuerring 
ein Zucken durch den Reif der Hände ging; 
o diese Stunden, wo sie jenen Süßdurchzuckten, 
die sich wie Tiere hinter Gillerstäben duckten, 
die Schatten werfen, die um ihres Blutes Gewalt 
sich schützend scharen wie ein Birkenwald. 

Und langsam tauchen schon die Paare aus der Bucht 
des Dorfes, suchen Wege hinter Hecken, 
um schnell die heißen Köpfe zu verstecken, 
wenn plötzlich Kühle kommt aus einer Schattenschlucht. 

Sie sind schon eins, bevor das schwarze Tor 
der Roggenraieten aufspringt zu empfangen. 

Durch ihre Seelen ist der große Stern gegangen, 
den sich die Wallfahrt der drei Weisen auserkor. 


U 



Und wenn der Stern die Kuppel einer Miete überweht, 
erbrausen ihre Busen, ihre Arme stürzen 
tief zu verschwistern, wie zwei Knoten, die sich schürzen, 
und wie ein Seil, das Seiler aus zwei Strähnen dreht. 

Und ihre Küsse rieseln das befreite Blut 
den Hals hinunter, bis die Lenden flammen. 

Und dann bricht das Entflammte ganz zusammen; 
ist Finsternis und abgeblitzter Biß und Wut. 

Hoch über das beruhigte Gewitter fährt 
der Schaltenpurpur von den Roggenmieten 
und kühlt verwühlte Betten, wo sich zwei errieten, 
und schwingt den Mond, der ihren Heimgangglückverklärt. 

Des Morgens aber kommen aus dem Dorf schon Wagen, 
den Roggenmieten Schicksalsstunde dumpf zu schlagen. 
Dann werden Stroh und Körner aufgepackt, 
auf daß in Scheunen wieder aufdröhnt Dreschertakt. 

Die Roggenmieten stürzen wie Gebäude ein, 

und Wind macht ihre Trümmer mit dem Feld gemein, 

wo aus dem Dünger neue Halme schießen. 

Sie wuchten nur im Spiegel bleicher Mädchen noch, 
die, wenn der Juli Früchte an Spalieren kocht, 
sich fruchtbar in die Kinderewigkeit ergießen. 


15 



GEWITTER 


Ich sah dich, goldne Früchte pflückend, hin und her 

bewegen 

im Apfelbaum, der lange Zweige leise niederbog; 
als plötzlich mit Lawinenwucht ein Sturm anflog, 
um die belaubte Stirn des Gartens blank zu fegen* 

Flink wie ein scheues Wiesel fuhrst du über die Leiter- 
sprossen 

und hast dich an des Schuppens Mauer hingeduckt, 
wo auf das Dach, von bösen Blitzen weiß umzuckt, 
gewaltig aufschlug der Alarm der Hagelschloßen. 

Und als es oben wieder auf sprang, Rosen zu entfalten, 
kamst du wie eine Wolke durch das feuchte Gras geweht, 
um mir den schönsten Apfel, den der Baum besaß, 
wie eine junge Sonne strahlend hinzuhalten. 


16 



DIE SCHATTEN 


Sonne, 

deiner Strahlen leuchtendes Gewitter 
sprengt der Bäume überreiftes Gitter. 

Die vom Blitz befreiten Schattenseelen 
folgen dir durch Gärten, durch Alleen 
stumm wie Schafe, die den Schäfer nie verfehlen. 

Wenn die ersten Morgenrosen flammen, 

scharen sich die Schatten auf dem Feld zusammen, 

hüpfen über Beete, schlüpfen durch die Hecken, 

breiten über Dächer samtne Decken, 

müssen von den Giebeln breit wie Fahnen wehn. 

Wenn die Glocken laut zur Messe rufen, 

flüchten sie in die Kapellen, 

knien nieder auf den Treppenstufen, 

um des Mittags sich in schnellen 

Wirbeln um der Stämme Karussell zu drehn. 

Ruhn ermattet dann am Wiesenrain, 

bis die Schnitter das gebräunte Feld beleben. 

Wenn die großen Abenduhren schweben, 

wandern sie zu zwein und drein 

über Hügel und Getreideauen 

in die Gräben, wo sich Nebel stauen, 

wo schon blauer Rauch und Abend schwält 

und ein Fuhrwerk sich durch schmalen Hohlweg quält. 

Kehren furchtsam um, 

horchen stumm herum, 

wie aus Blumen rote Träne quillt 

und die Beere wachsend schwillt. 

Sammeln sich, wo breite Tore wieder springen, 
wo die Sterne Silberfackeln schwingen . . . 

Dann ist Nacht, die ihr Verwehen überlaubt 

und mit dem zerpflückten Kelch des Mohns bestaubt. 


17 



DIE BÄUERIN 


Klein ist ihr Kreis, den Mauern schroff verbaun 
und Wiesen säumen, wo Salbei und Nesseln wuchern. 
Ihr Dasein, böse angesprungen von Versuchern, 
heißt We i b und weitet sich im Gottvertraun. 


Geiz und verkniffne List, Betrug und Haß, 
herrischer Stolz und blindes Eifern können nimmer 
das Eisen ihrer Ruhe schmelzen und den Schimmer 
der Augen hinzerrn in verstörtes Naß. 


Ein Wort nur, das ihr klarer Mund verliert, 
beruhigt den, der hitzig in die Höh will fahren; 
und klein verlassen die, die nie zu zähmen waren, 
den Raum, den breites Schweigen überfriert. 


Ihr Tag entquillt dem Tau und endet sternenklar. 
Sie weiß sich in das Schicksal aller zu versenken 
und ladet zu des Hauses gastlichen Geschenken 
den Ersten wie den Letzten aus der Knechteschar. 


Ihr Blondhaar, mit der graden Scheitelbahn, 
zeigt einen kräftig braunen Hals beim Bücken. 

Die Schatten ihrer Spur auf übersonnlen Hügelrücken 
sind wie ein Wellentanz um einen großen Kahn. 

Ihr Gang ist so bewußt und ruhig eingestellt, 
wie wenn tief unter ihr das Herz der Erde schlüge. 
Sie lobt des herben Windes lange Atemzüge 
und liebt das rauhe und verschloßne Feld. 


48 



Schleppt Säcke Korn, die viel zu schwer sind für ein Weib, 
und häuft in ihrer Bodenkammer das Getreide; 
und ehe sie ein Brot zerteilt mit scharfer Schneide, 
malt ihre Hand drei Kreuze auf den Laib. 

Den Schwätzern, die des Abends vor den Türen stehn 
und Pfeife rauchen und die Nachbarn bös beflecken 
mit flinken Zungen, bleibt das Maulwerk plötzlich stecken, 
wenn sie vorüberrauscht wie ein Gewitterwehn. 

Doch dieses Herrische an ihr ist eitel Kraft. 

Die alten Bettler, die vergeblich klopften 

an all die andern Türen, schickt sie mit gestopften 

Brotsäcken auf die arme Wanderschaft. 

T 

Und ein verrückter Vagabund, von dem man spricht, 
daß er um Dinge weiß, die Fernes offenbaren, 
verhieß ihr ein Begräbnis, wie es Fürsten kaum erfahren, 
wenn sie sich strecken wird mit rissigem Gesicht. 


49 



DER GESANG DES WASSERS 


O hörst du nicht, o hörst du nicht, 
wie Welle aus den Steinen bricht? 

Muß fließen und sich breit ergießen, 
muß jedem Strauch, der d unk el drängt 
und ihre Spuren schmal beengt, 
die blaue Liederbrust erschließen. 

Dort unten tief, 

der kleine Wald von Vogelbeeren, 

wo einst auf einem Teppich aus Smaragd 

sich Melusine drehte nach dem Takt 

der himmlischen Klaviere, 

der kleine Wald von Vogelbeeren 

und alle seine sanften Tiere: 

der Hamster und der braune Specht, 

der Iltis, Igel, Kuckucksknecht, 

erfahren schon aus braunen Weiten 

des Wassers flüsterndes Herübergleiten. 

Der Morgenröte Hauchen 

bläht sich vergeblich graue Segel auf. 

Der Bach verändert nie den Lauf 
von Stein zu Stein, wie auch die Nebel fauchen. 
Und wenn er manchmal lange Klagelieder singt 
und stürzend nicht mehr Schluchten überspringt, 
sich wie ein lahmer Schwimmer muß vorüberdrehn 
um beinah in ein Niegenanntsein zu zergehn: 
hat ihn nicht Juli böse angefaßt? 

Der Juli, der Gesang des Wassers haßt ? . . . 
Kommt aber blonde Gänsemagd gesprungen, 
im Bach der Glieder junge Heiterkeit 
zu dehnen, schäumt das Wasser wie befreit 
und atmet mit vertieften Lungen. 



O, wie der Bach sich zitternd da bereitet 
und weißes Mädchenfell umschmiegt! 

O grünes Pfühl, das Windgeflüster auf und nieder wiegt 

• ß 

und mit dem Samt der Atherbläue uberspreitet ! 

O über braunen Nacken hin der Kupferfall 
von offnen Haaren, die, bis zu den Brüsten prall, 
sich wälzen wie ein göttliches Geschmeide! 

Das Wasser, das sich um zwei Hüften bauscht, 
wird Spitzenrausch und lila Seide, 
und Uferranft und goldnes All 
sind wie vertauscht. 

Das wilde Mädchen mit dem roten Haar 

ist auf den Kieseln flink und zeigt im Schreiten 

Verhaltenes aufgeglänzt und klar. 

Reckt ihre Arme blühend in die Veiten 

und bückt sich, wo der Duft der Minze schwebt 

und die Libelle funkelnd über Wasserrosen bebt. 

Und wenn die Schöne dann an Steinen rückt, 
ist durch die reißenden Wasserschnellen 
die Flucht der furchtsamen Forellen 
wie ein gewaltiger Blitz gezückt. 

Mit Purpurblumen in den Lippenecken 

wagt sich das Mädchen blank der Sonne hinzustrecken 

und lacht, wenn über ihre runden Knöchel 

die Wellen hin- und herwärts gehn. 

Und von zwei rosigen Vögeln, die vorüberwehn, 
hinschwebend zu Gestirn- und Wolkenmut, 
läuft ihr ein süßer Schatten durch das Blut. 

Sie kommt die heißen Sommerwochen lang, 
verschwistert Flußgesang mit Hüftenüberschwang, 


21 



Erst wenn September durch die Waldung braust 

und bernsteinbraunes Laub zerzaust, 

hört ihres Gürtels Schließe auf zu springen. 

Einäugige Wolken ziehn dann auf, 

die wild wie Krieger sind und schwarze Fahnen schwingen. 

Und schwere Regengüsse pfeifen 

hinstürzend durch den Wasserlauf, 

bis Nebel aus dem welken Schilfgehege 

quer über Uferwälle steigen und durch feuchte Wege 

wie Hunde witternd streifen. 

Und froh empfängt der Bach die Tropfensaat, 

denn alle Blätter, die gespenstisch fielen, 

halten ihn nicht zurück mehr von den schönen Zielen. 

Das Wasser bäumt sich rasend vor dem Grat, 

zackt sich durch Büsche, überflutet Wiesen, 

bricht breit durch Steine, wo einst Muscheln bliesen, 

und wird auf Kieseln sanfter Mondgesang. 

Vielleicht geschieht auch, daß in Sternenstunden 
Frau Melusine wieder ungebunden 
nach jenem Takt, den Windviola regt, 
hintanzend ihre goldnen Knie bewegt. 


22 



DIE STATTLICHE MAGD 

Weit in die Ahrenau, die schweres Gold hinüberreift, 

um braunes Brot zu werden, das man ißt, folg ich den 

Spuren 

von deinen Füßen; muß mit Augen, die schon viel er- 
fuhren, 

bewundern, welche Kraft dich fortbewegt und deinen 

Nacken steift. 

Die Arbeit macht, daß deine Schultern sich noch straffer 

richten. 

Mit ihren langen Armen mahn die Burschen Weizen, 

Schuß auf Schuß. 

Doch deiner Arme Schwung ist so wie Feuersbrunst 

und muß 

« » 

die Ähren binden und die Garben hoch in Mandeln 

schichten. 

Anbetend kniest du hin und dankst der Fron, dem 

Schweiß, dem Wind, 

dankst allen Dingen, die beweglich in die Sonne blitzen; 

und deine Augen zucken nicht, wenn staubige Schauer 

spritzen 

von Wagen her, die auf den dürren Stoppeln eilig sind. 

Gesundes Blut pulst laut durch die Kanäle deiner Adern 

und rundet deine weißen Brüste, bis sie hart stehn wie 

Granit. 

Dein Haar blüht rot, und deine Lippen sind ein Rosen- 
lied, 

und nie wird dein Gefühl mit Härten dieser Erde 

hadern. 


23 



Du bist das erste Lerchenwunder auf dem blanken Feld 
und wirst des Abends mit den Schnittern laut im 

Heimmarschieren. 

Das flandrisch Trotzige wird deine Stirne nie verlieren 
und deine Augen nie den Blick, der Sanftmut zu dem 

Trotz gesellt. 

Die Burschen auf den Poldern und in Dörfern an den 

Flüssen 

sind von dem Üppigreifen deiner zwanzig Jahre so 

entflammt, 

daß sie in ihren Träumen, unter der Sterne Silbersamt, 
dich als die Frau, die sie einst nehmen werden, küssen. 

Weissagung geht : daß du auf einem Gut gebieten wirst, 
das mit schneeweißen Giebeln aufragt aus den Saat- 
gebreiten. 

Das Instvolk wird dir folgsam sein in harten Erntezeiten, 
und goldner Lohn der Arbeit wird sich wölben bis 

zum First. 

Dein Schoß wird fruchtbar gehn und wie in schönen 

Jahren 

der Vorzeit muskelstarke Kinder zahlreich in die Welt 
hinausgebären, die, als Stolz in deinen Tag gestellt, 
dich stützen, wenn du alterst, und gebrochen deinen 

Sarg umscharen. 


24 



DER SPIELMANN 


Schwüler Juliabend dämmert dunstig auf dem Feld. 
Unter einer Weide schattigen Gebreiten 
hat sich fremder Spielmann aufgestellt 
und fährt traumhaft dunkel über die Saiten. 

Spielt für sich allein und hört im Spielzergehn 

kaum die Schritte, die das Abend wehn 

aus den Hütten lockt, sich auszudehnen, 

wo die Geige singt und Schatten schwillt; 

sieht nicht, daß sich Mädchenstirnen, Schild an Schild 

an die überglühten Stämme lehnen. 

Gang und Glanz der Jahreszeiten kamen oft 
seinem Instrument schon nah. Doch unverhofft 
regt sich ihm nun Schicksal dieser Bauern, 
ihre schwebenden Gebräuche, ihr Gefühl, 

Aberglauben, gläubiges Gewühl 

in den Saiten, wie ein lenzliches Erschauern. 

Früher sang er von dem Gelsenflug 

durch die Morgenrosen, 

von dem Flüstern, das sich in den uferlosen 

Buchen wipfeln überschlug; 

von dem Wind, der an die Fenster klopft, 

wo sich Schläfer noch im Pfuhl verstopft; 

sang vom Holzknecht, der die Axt schon schnellt, 

ehe noch das Sanktus durch die Gassen schellt; 

von den Halmen, die sich aus dem Nebel recken, 

von dem Bauer, der ins harte Tongewicht 

keuchend seine Pflugschar bricht; 

von dem Gärtner unter den Rosenhecken, 

und der Witwe, die sich auf den Knien plackt 

und den harten Hanf behackt . . . 

Diesem allen war sein Loben lange nah. 



Aber jetzt stehn andere Töne da, 

und es bebt in ihnen ungeheuer 

jenes Flimmern, das ein Mittagsfeuer 

über die Ebenen gießt, 

wenn der Wald sich streng verschließt 

und der Herden Hin- und Herwärtsrücken 

wie ein Feld erscheint, 

das gebirgig und versteint 

in den Horizont hinüberschlägt gewölbte Brücken. 
Einen Rhythmus hämmert der Gesang, 
wie wenn Pferde, vierelang, 
über hartes Pflaster rasen. 

Ahmt das pfeifende Geräusch der Sense nach, 
Wachtelruf, der in den Klee einbrach, 
und der Grillen langgezognes Blasen. 

Weiß den Knecht zu zeichnen, der den Rücken streckt 
und die Augen schützend mit der Hand verdeckt, 
ist gewunden wie ein Pfad, der kommt und geht 
und sich vielfach um die Weiler dreht. 

Wie ein Blättersäuseln schwirrt der Töne Bann, 
lockt die Rehe her, die sich wie Kinder fassen, 
nicht mehr wissen, daß noch Menschen sind, die hassen, 
schauen nur den Spielmann wie ein Wunder an. 

Lied hat aufgehört. Her hingehängte Bogen 
gleitet lautlos über Saiten, die das Mond licht spannt. 
Alle Sterne sind schon aufgezogen, 
und der weiße Engel wollt durchs Land. 

Grenzenlose Stille ist so hingeweitet, 
daß man hören müßte, wenn ein Wandrer 
jenseits dieser Erde schreitet . . . 

Wie er kam, von niemandem gerufen, 

schwindet auch der Spielmann über zauberische Stufen 

in ein wesenloses Tal. 


26 



TITYR UND MOELIBE 


Mit Flöten in gebräunter Hand 
durchirrten rauhes Ackerland 
Tityr und Moelibe. 

Sie sahn der Vögel Südlandflug, 
sahn Laub, das auf den Rasen schlug, 
sahn Nebel hervvehn von der See. 

Der welke Sommer iiberfror 
mit Hagel und Gewitterchor 
die Bläue ihrer Kehlen. 

Ein Räuspern scholl: „Wie kann man hier 
von Ernte, Frucht und Blumenzier 
lobsingen, wenn uns Fröste quälen? 

Wenn Regen durch Gebüsche klirrt, 
wie soll man denen, die verwirrt 
an uns vorüber müssen, 
und die sich in den Hüften drehn, 
umsehn und lächelnd weiterwehn, 
die Nackengrübchen küssen? 

An feuchter Giebel Bröckelschild 
reift Traube nie, die platzend schwillt. 

Und war dort auf den Wiesen, 
wo Maulwurf böse Höhlen baut, 
schon jemals schönes Echo laut 
von Liedern, die Sizilier bliesen? 

Die Bauern hier sind stumm wie Stein 
und wissen nicht, daß roter Wein 


27 



an Flaschen klopft zu schäumen. 

Sie sitzen grau gemein am Herd, 
wo Flamme Scheit um Scheit verzehrt, 
und rauchen Stube schwarz und träumen. 

Zypresse und Olive baun 

kein Schattendach dem Wiesenzaun. 

Die Kettenhunde bellen 
schon durch den dornigen Hohlweg lang; 
bevor noch Mond und Wächtergang 
die großen Uhren in das Dunkel stellen. 

Die Bauern sind nicht alt, nicht jung, 

sie lieben ohne Haß und Schwung 

und wissen nur mit Schwarzbrot zu bewirten. 

Ach, keiner dieser Trägen spricht 
von Alexander, kennt auch nicht 
Gallus, den schönen Hirten. 

Durch ihre Augen, klein und klar, 
ist nie die große Götterschar 
und goldnes Rom gegangen, 
ln ihres Landes Hauptstadt stampft 
der Train, und aus Fabriken dampft 
Gewölk und hat die Bläue aufgefangen.“ 

Mit Flöten in gebräunter Hand 
durchirrten rauhes Ackerland 
Tityr und Moelibe. 

Doch einmal luden sie zu dritt 
den Schäfer, der noch rüstig schritt 
in Haaren weiß wie Schnee. 

Der sprach: „Die Bauern hier sind eingestimmt 
in jedes Tier, das fliegt, und Fisch, der schwimmt. 


28 



Sie lieben ihren Grund und lieben seine Härten. 
Sie halten still, wenn dunkles Schicksal schlägt, 
und stützen die, die keuchend Kinder trägt, 
und kommen kaum aus dem Idyll der Gärten. 

Die Muskeln ihrer braunen Arme überhellt 
nur dann ein Jauchzen, wenn im Roggenfeld 
die Ähren hundertfältig sich der Sense biegen. 
Ihr Willen ist als ein stählerner Strich 
quer über die Stirn gelegt und läßt sich nicht 
von wechselnden Geschicken unterkriegen. 


Und wenn sie eifersüchtig wo im Dunkeln stehn 
und plötzlich wie ein Schober hoch in Flammen gehn, 
sind sie wie ein Triumphzug, kindhaft ausgelassen. 

Das Gold, das aus dem Aufbruch ihrer Schwielen kam, 
und das sie hüten, wie der Frauen fromme Scham, 
rollt nicht zurück in Höhlen, wo Verschwender prassen. 

Ihr, unter dem azurnen Horizont, wo ewig Sommer blüht, 
wißt nicht, was Abend ist, den Feuer übersprüht, 
wenn die Legenden aufgehn und verschollne Sagen, 
wenn der November um die Giebel pfeift 
und blaue Blitzhand nach dem Schornstein greift, 
wenn Hagelfäuste an die Fenster schlagen. 

In unsem Hütten, schief und schilfgedeckt, 

und in der Wbhner Herzen liegt Geheimnisvolleres 

versteckt 

als in den Tälern, die euch zugehören; 
wo Lycoris an waldigen Ufern Harfe rührt 
und euch mit ausgewitztem Lied verfuhrt, 
wo Pan sich giftig bläht, verliebtes Volk zu stören. 

29 



Die Stadt mit der Fabriken Wucht und rasender Züge 

Flucht, 

mit feurigen Revolten, Unzucht und Verbrecherschlucht, 
hat auch in unsere Dörfer Lücken geschlagen. 

Doch heute sind wir auf den Märkten guter Gast, 
und oft geschieht es, daß der Weg dorthin kaum faßt 
den langen Einzug der Gemüsewagen. 

Die Bauern hier sind ohne Falsch und Arg, 

und was die harte Scholle barg, 

ward ihnen nicht wie Schlaf gegeben; 

sie wissen wohl, daß euch ein schönerer Himmel blaut 

und Lorbeerhain geruhesame Lauben baut. 

Doch ihr gespanntes, erdgebundenes Leben 

ist langer Ahnenreihe angestammt 

und wie ein Pfahl in diese Ebene eingerammt. u 


1 


30 



LÄNDLICHE GESPRÄCHE 




I 


Johann: 

„Jetzt darf ich dir gestehn, 

daß ich in weißer Sommerglut, 

als ich mit meinen Pferden durch die goldne Flut 

der Felder schwamm, um Gerste abzumähen, 

auf der Maschine wie ein Sieger stand: 

denn ich erriet es ganz genau, 

daß du am Fenster warst und durch des Vorhangs Blau 
mir nachsahst, unverwandt.“ 

Käthe: 

„Und ich, 

die ich mir vornahm, deinem Ohr 

kein einziges Gefühl mehr zu verschweigen, 

und mich auch nicht mehr fürchten will, 

wenn sich die bösen Härten auf deiner Stirne zeigen, 

ich muß dir sagen: daß die weiße Fliedertraube, 

die ich herüberwarf, als du an unserer Laube 

vorübergingst, am Sonntag, in der Schar 

häßlicher Burschen, nur für dich geworfen war.“ 

Johann: 

„Der Flieder — ja, den sich ein anderer fing!“ 

Käthe: 

„Was liegt daran, da doch mein Herz nicht in dem 

Flieder hing.“ 


Johann: 

„Dein Wort braust mir wie junger Wein durchs Blut 
und schafft mir Kraft und gibt mir Mut. 


33 



Denn immer hat mich Eifersucht gestochen, 

wenn dir des Abends, in den schönen Rosenwochen, 

ein anderer zur Seite schritt, 

der dein Gefühl mit heißen Worten überglitt.“ 

Käthe: 

„Du zehrst vom Gestern. Ich besinge Gegenwart! 
Und wirklich: deine Hände sind mir jetzt gegeben. 
Doch, daß sie wie ein Blutgeheimnis mich umschweben, 
will ich sie halten, wie manFeuer vor dem Wind verwahrt. 
Und was wir wissen, gib nicht deinen Eltern preis. 
Genug, daß Busch und Bach von unserem Feuer weiß. 
Das, was uns wie ein Netz umstrickt, darf niemand lüpfen. 
Und will ein Fremder durch die Maschen schlüpfen 
uns anzugreifen, greif ihn wieder an, 
und laß Gespött erblitzen wie an Wirtshaustischen, 
wo deine Zunge flink ist und nicht aufhört schrill zu 

zischen, 

wenn schlechte Rede einem Mund entrann.“ 

Johann: 

„O, meine Brust wird dir jetzt Wall und Wölbung sein. 

Je mehr sich Feinde da zusammenkoppeln, 

um ihre Witze zu verdoppeln, 

bäumt sich mein Stolz und härtet sich wie Stein. 

Ich weiß auch, was ich meinen Alten sagen darf und nicht 
am Abend, wenn man dies'und jenes bei der Lampe spricht. 
Mein Hirn spürt jedes Zittern hingeregter Hände, 
und meine Augen brechen durch derStirnen Eisenwände.“ 

Käthe: 

„Wenn deine Augen also wehn, mußt du aus meinen lesen 
die höchste Lust, daß ich dich endlich band. 

Denn schon im Traum, der meine Nächte rot umstand, 
bist du dem Tempel meiner Hüften braunerGott gewesen. 


34 



Und sang ein andrer leise durch mein Blut, 
gestand ich mir, daß nur der eine, den mein Herz 

bestimmt, 

weiß, daß in seinem grenzenlosen Gut 

das unsere wie eine Insel schwimmt, 

weiß, daß sein Name in den Dörfern drüben 

ein stärkres Echo ausschwingt als der meine hier, 

weiß, daß sich meine Hände langsam üben, 

ihn zu empfangen wie ein sanftes blaues Tier, 

das man in jeder wachen Stunde streicheln muß, 

weiß, daß mein Mund sich blutig sehnt nach seinem Kuß 

und doch mit keinem Laut verrät, 

daß Liebe sich im Traum schon Segel bläht.“ 


Johann: 

,,Mich wurmt es fast, daß unsre Scholle schwerer wiegt 
als jene, welche euer Dasein nährt. 

Solange aber Blut durch meine Adern fliegt, 
will ich der sein, der deinen Tag verklärt. 

Laß Sonne hingehn über dein Gesicht 
und sticke alles Wägen, das nur kratzt und sticht; 
damit nun auf dem Stamm, den jene Alten hegen, 
die Reiser unsrer Liebe Knospen regen.“ 


Käthe: 

„Mein Treusein wird dich so beschwingen, 
wie Flügel, die den Vogel in die Höhe schnellen, 
wenn wir am eignen Herd uns Liebeslieder singen 
und Sander kommen, uns noch tiefer aufzuheilen. 

Und wenn du in die Dörfer fahren wirst, um für die Mahd 
die Leute anzuwerben, brauchst du nicht Verrat 
zu furchten, der dich zwingt zur Eile, 
wenn ich allein mit jungen Knechten in dem Hause weile. 


35 



Denn wie ich nur ein Leben lebe, um zu lieben, 
ist auch nur dieses eine Herz dem Busen durch und 

durch getrieben.“ 


Johann: 

„Dein Mund, der immer näher rückt, 
und deiner Haare Knistern und der Brüste Wogen, 
zerreißen mich. Die Pulse schlagen wie verrückt, 
und Abend hat sich schon herabgebogen.“ 

Käthe: 

„Nicht heute, du! Das Glück lacht viel zu laut, 
um einem Wahnsinn meine Lenden hinzubiegen.“ 

Johann: 

„Der Busch verhüllt und Gras will uns umschmiegen 
an diesem Abend, der die Wiesen überblaut. 

Ich weiß auch, daß die Mutter meiner Schwester Keim 

empfing, 

bevor sie mit dem Vater in das Brautbett ging.“ 

Käthe: 

„Wer frägt danach?“ 


Johann: 

„Und lange vor der feurigen Hochzeitsnacht 

war ihrer Liebe in dem Kleefeld da ein Bett gemacht. 

Ich weiß schon was ich weiß, und niemand schlägt mir 

zu die Tür.“ 


Käthe: 

„Man würde mich zu Hause schlagen, wenn man dies 

erfuhr!“ 


36 



Johann: 

„ Da wir von heute ab schon unsre Hochzeitsringe tragen , 
wird es kein Mensch, und hätt er zwanzig Fäuste, wagen.“ 

Käthe: 

„Das Dunkel schreckt mich. .Lampen wallen 
herauf, uns so wie Augen anzufallen.“ 

Johann: 

„Laß uns noch tiefer da in die Gesträuche brechen, 
wo uns die Lampenaugen nicht mehr stechen. 

Sieh, diese Stunde habe ich mir schon erwogen 
und wie ein Spiegel dieses aufgehängt: 

* 

doch dann, wenn über uns die wilden Wogen 
zusammenschlagen, wird dein 'Wahnsinn mich zerreißen 
und deine Zähne raubtierhaft das Laub zerbeißen.“ 

Käthe: 

„O sprich nicht mehr. Ich fühle, wie der Wind 
mit lauen Fingern meinen Nacken streift 
und meinen Mund berührt und meine Brüste steift. 
Und ich bin scliamverwirrt und furchtsam wie ein Kind. 
Doch sag, was werden deine Hände mir bereiten, 
wenn ich schon heute abend mutterfroh 
aus deinen Armen hinfließ in die Zeiten?“ 

Johann : 

„Ach, alles wäre anders dann und nicht mehr so 
hineingestellt in Hemmung, Eifersucht und Wut. 

Die ganze Welt wär unserem Kinde zugetan und gut. 
Es würde unsere Liebe nur noch glühender entfachen 
mit seinen spaßigen Bewegungen und seinem Lachen. 
Und glaube mir, ich habe die, die meine Zeuger waren, 
in ihrer tiefsten Heimlichkeit erfahren.“ 



37 



Käthe: 

„Mein Lieber — komm — ich will dir folgen ganz 

bewußt 

dort hinten, wo uns nicht die hellen Häuser mehr ver- 
scheuchen, 

auf daß ich nichts mehr höre als das Keuchen 
von deinen Atemstößen, Brust an Brust.“ 


38 



H 

Anton: 

„Ziehn unsre Söhne sich nicht blonde Kinder groß, 
auf daß sie weit in Schulen aufmarschieren, 
Aufsätze in gemeine Hefte schmieren? 

Uns aber, die wir grau sind wie uraltes Moos, 
jagt man aufs Feld, die Kühe gut zu hüten 
und unsren Händen, brüchig wie gebrannter Ton, 
sind wieder Dinge nah, die, fast vergessen schon, 
der Kindheit Tage dornig iiberblühten.“ 

Wilhelm: 

„Erinnern kommt mich an, daß ich im achten Jahr 
mit der gebognen Peitsche laut war und die Schar 
der Rot- und Schwarzgefleckten von der einen 
zur andern Wiese trieb, und daß ich in der Glut 
kindlicher Feuer Nüsse briet und nie die Wut 
des Vaters reizte und der Mutter Weinen.“ 

Anton: 

„Der Geist der Felder tönt sich anders aus. 

Man zieht Verfall sich auf im eignen Haus. 

Und Kinder wachsen, die mit ihren bleichen 
und weichen Mienen nicht mehr Bauern sind: 
trotzig in Sommerglut und Winterwind 
erhoben wie ein Wald uralter Eichen. 

Und bröckelnd fällt, was man nicht gern verliert, 
wie Saatkorn, langsam durch ein Sieb passiert . 41 

Wilhelm: 

„Aus jener Stadt, wo Schiffe sind und Häfen 
und wo er lang Soldat war, kam 
mein Sohn zurück mit dumpf umklopften Schläfen; 
spricht neue Worte, die ich nie vernahm. 


39 



Und immer fürchtet man, daß ihm die Zunge bricht, 
wenn er die fremden langen Sätze spricht! 

Der Ältere, der mir die Wirtschaft fuhrt, 
ließ sich von jenem Wortschwall schon verleiten, 
der Irrtum schürt und Herzen eng ums chnürt. 

Erst war ich ihm noch Stütze und Berater durch die 

Zeiten; 

doch heute steht er stumm, wie ein Gerät, 
wenn meine Hand, mich anzuhören, ihn zum Sitzen lädt. 
Er richtet sich nicht mehr nach meinen Wetteruhren 
und geht nicht mehr die alten Väterspuren. 

Und denkt euch: das Getreide, das er kürzlich schnitt, 

den Hafer und den Weizen, 

verkaufte er, mich nur zu reizen, 

nichtmehr dem Bäcker, wo man immer gutenPreis erstritt, 

fuhrs in die Stadt zum Makler, der für das, 

was er da alles kauft und selbst nicht mahlt, 

die gleichen festen Preise zahlt.“ 

Anton: 

„Wer wird da kühl noch bleiben und nicht fluchen dürfen, 
nun jeder Furcht hat, daß sich Arme müde schürfen, 
Furcht, daß ihm Rückgrat bricht und daß sich Faust 

verstaucht; 

und daß die Jungen sich gebrechliche Maschine holen, 
die ihres Schwungrads Kräfte stiehlt aus unseren Kohlen, 
und die, wenn sie die langen Garben blindlings drischt, 
Gerste und Roggen, Hafer durcheinander mischt? 

Das ist nicht Arbeit mehr. Ist Spott, den Satan faucht. 
Gott aber weiß, warum die Ernte brennt und von den 

Türmen 

die Bronze wölken der Geläute durch den Himmel stürmen, 
wenn Wind aus der Maschinenasche Funken raubt 
und, daß sie aufgehn, in die dürren Schober staubt.“ 


40 



Wilhelm: 

„AU dieses Unheil, Lieber, zeugt die große Stadt, 
die aUes fängt und herrisch sammelt mit dem Rad, 
das Flüsse überbrückt und schroffe Berge kürzt 
und in die klare StiUe unsrer Landschaft stürzt. 

Nicht ohne erst ein heiliges Kreuz zu schlagen, 

darf man von diesen Dingen dies aussagen: 

daß sie der Städte Stolz, der Dörfer Hinbruch sind. 

O die geschweiften Wege, wo ein Wasser rinnt 
und vor den alten Zäunen hingelegt wie Fliesen! 

Jetzt rammt man Pfeiler in den Samt der Wiesen. 
Und Bahnhofslärm und Pfeifen, daß ein Zug eintraf, 
stört müde Weiler aus dem tiefen Schlaf. 

Obstgärten, die den Gutshof weiß umsäumen, 

sind zwiegestückt von Schienen schlackenschwarz und 

krumm, 

und kein Versteck ist in den Wäldern ringsherum, 
wo nicht schon Dämpfe von Lokomotiven schäumen.“ 


Anton: 

„Allabendlich, wenn ich am Ende der AUee 
mich auf der Bank verruhe und ins Ferne seh, 
bricht ungeheures Feuer durch die Wolkendä mme 
und zeigt mir Millionen Häuser und der Türme Riesen- 

Stämme. 

Dann kehr ich um und zücke dieser Stadt die Faust 
und weiß, daß es mein Fluch ist, der die Böen überbraust. 
Und immer wilder würgt mich zorniges Erbrechen: 
die falschen Augen dieser Hure auszustechen. 

Ich ruf den Blitz, daß er die Stadt wie einen Wald, 
daß er Paläste und Spelunken niederknallt. 

Ich wünsche ihr die roten Donner der Revolten, 
die schweflig über Sodom und Gomorra grollten . . . 


41 



Ach, war mein Haß ein Tausendfuß, und nicht so schwer 
mein Kopf und nicht so ungelenk die müden Glieder; 
denn all die armen Worte, die man hin und wieder, 
die Worte, die man spricht, sind eitel, flach und leer.“ 

Wilhelm: 

„Vernunft und Weisheit ziehn um uns den goldnen Kreis. 
Doch eher grünt an dürrem Holz ein junges Reis, 
eh ich gestehe, daß es schlecht ist so zu sprechen, 
wie ich vom Dasein denke und nichts andres weiß: 
was wird aus unsrer Heimat Erde, wenn mir Augen 

brechen?“ 


Anton: 

„Man wird von uns gestehn: sie waren beide Bauern 
mit Stirnen hart und zähen Knochen, heißem Blut; 
und ihre Seelen flogen zur selben Zeit in Gottes Hut, 
da in die Felder einbrach Fluch der schwarzen Mauern.“ 


* 


42 



III 


Peter: 

„O heiliger Cornelius, 

du Freund der Kühe, die am Fluß 

sich Futter suchen und die Schnauzen, blau 

und feucht und mit silbernen Haaren, 

schön spiegeln in dem klaren 

Gewässer, ich verspreche dir: daß ich genau 

zwei Tauben am Sonntag will bringen, 

zwei graue Tauben mit weißen Schwingen.“ 

Johann: 

„Und ich: ich w r erde dem Schutzpatron 
der langsamen, schweren 

Mastochsen, die das Gras der Marschen scheren, 
ich werde dem heiligen Amand 
zwei goldrote Hähne verehren.“ 

Peter: 

„Man wird die Hähne und das Taubenpaar 
in einen Korb aus Weidenruten pressen 
und vor der Kirche, nach den heiligen Messen, 
versteigern, was für Heilige geopfert war.“ 

Johann: 

„Mit ihrer Schwanzfedern Wogen, 
stehn meine Hähne wie Mohnrosen im Wind; 
die Kämme auf ihren Köpfen sind 
wie goldne Türkensäbel gebogen.“ 

Peter: 

„Und meine flinken Tauben erinnern mich 
an zwei Holzschuhe schön, die mein Mädchen einst trug, 
wenn durch das Haus und über den Wiesens trich 
hintönte ihr zierlicher Trippelflug.“ 


43 


Johann: 

„Meine Hähne sind im Waschhaus geboren* 

Sie kamen so klein und verloren 

wie Eier, denen Füße angeschnallt waren. 

Sie kamen an einem Apriltag, 

der weiß wie August auf den Feldern lag. 

Dann wuchsen die Flügel aus ihren Federhaaren, 
und alle Insekten am Mauerbord 
pflückten ihre windflinken Schnäbel fort.“ 

Peter: 

„Meine Tauben sanft und weiß 

sind im Schlag aus den Schalen geflogen. 

Ich hab sie genährt und großgezogen 
mit Grütze und spanischem Mais. 

War meine Pflugschar tief in die Schollen gestellt, 
lief ihr Schatten wie Sonne über das Feld. 

Um die Mittagszeit 

konnte man Gurren hoch auf dem Dachfirst hören. 

In den offenen Regenröhren 

putzten sie rüstig ihr Federkleid 

und wetzten die Schnäbel am Schornsteinblech 

und paarten sich wild und küßten sich frech.“ 

Johann: 

„Ich mußte die Hähne durch einen Zaun trennen, 
bevor ihnen der Sporn an den Füßen wuchs. 

Doch was verschlugs, 

daß ihr Krähen, vorm Auf brennen 

der Sonne, zu Anfang noch wenig schön klang: 

sie waren so stolz auf diesen Morgengesang. 

Und ihr Stolz trieb sie von Streit zu Streit, 
und die Hühner flohen vor ihnen weit. 

Doch der Hähne Feuer zu tragen 

und im Nacken zu fühlen ihr Schnabelschlagen, 


44 



vergaßen sie Futter und Wasserfaß 
und duckten sich willig ins Gras.“ 

Peter: 

„War hier im Dorf ein Wettflug ausgeschrieben, 
sind meine flinken Tauben nie im Schlag geblieben. 
Ihr Fliegen, das den Wind besiegte und die Wolken 

mahnte, 

war Grund genug, daß meine Zuversicht sich dehnte. 
Sie flogen an die Küste, wo das große Meer erbraust, 
und über Gipfelbäume, wo der graue Adler haust. 

Im Herz des Himmels war noch größere Gefahr; 
doch ihrer Augen Schärfe und der Schwingen Schrauben- 
gänge 

wuchsen im Wachsen der gezückten Falkenfänge. 

Oft flogen sie zusammen durch das Ziel 

und brachten Gold, das klingend in mein Säckchen fiel.“ 

Johann: 

„Nein, meine Hähne durften nie den Hofthron verlassen, 
meine geliebten Hähne, schwer und verrückt. 

Sie waren Fürsten zu lieben, zu hassen, 
sie wußten, wie man Volk regiert, beglückt, 
damit nicht die Revolte jäh den Bau zerbricht. 

Und stürzten einmal Glucken bös zusammen, 
ließ gleich der eine Hahn den Säbel flammen 
und hielt Gericht . . . und hielt Gericht . . . 

Ach, warum plagt sie nun der Frost, die Gicht, 
ach, warum schwindet ihre Stimme schon und ihr Gesicht ?“ 

Peter: 

„Ich pflegte meine Tauben, wie man Kinder pflegt, 
und muß nun doch erfahren, daß sich ihre Wildheit legt. 
Sie haben so lange schon keinen Flug mehr gewonnen. 


45 



O diese schonen Reisen durch die Wolken, an das Meer! 
O diese rauschende goldne Wiederkehr! 

Jetzt hängen sie, von Rauch und Staub umsponnen, 
zottig wie welke Blumen am Dach. 

Ihre Schnäbel zupfen zerstreut und ohne Willen 
die schlechten Halme aus den Moosrillen. 

Aus dem langweiligen Schlag 

werden die jungen Weibchen bald wegfahren 

und mit den fremden Täubern sich paaren . 14 

Johann: 

„Nun meine Hähne auch nicht mehr springen, 

ist es schon gut, sie dem heiligen Amand zu bringen. 

Und ich weiß: auch der Weihrauch färbt ihren Kamm 

nicht mehr rot. 

Denn ich schämte mich tot, 

wenn einer von meinen Hähnen, nach den guten Gebeten, 
aufspränge, das Huhn, das ein Nachbar geopfert, zu treten . 44 

Peter: 

„Mir würde es auch keinen Spaß machen, 
wenn fremde Hände die Tauben fliegen ließen. 

Man muß jeden Handel mit Vorsicht abschließen, 
Damit uns nicht neidische Nachbarn verlachen . 44 

Johann: 

„Ja, ja, wir geben Opfer wie Gewinne hin, 

und aus den Gaben wird uns noch ein doppelter Gewinn. 

Denn die Patrone sind uns gut, wenn man zum opfern 

das verbraucht, 

was abgebraucht ist und gebrochen keucht, 
und unsere heiligen Gebräuche 
sind weise und erlaucht . 44 


46 



IV 


Marianne: 

„Mein Herz war dir schon zugewandt, 

als ich dich im Gehölz dort sah, 

wo deine junge braune Hand, 

dem Himmel furchtlos nah, 

die Axt schwang, daß die Zweige wuchtig fielen. 

Man warnte: mit dem Leben nicht zu spielen! 

Doch du stiegst höher nur empor und nahmst Gefahr 
wie seligen Gewinn. Ich bangte um dein Leben 
und liebte doch zugleich dein sichres Schweben 
durch Laub und Wind und Wolken sonderbar. 

Und als du niederstiegst aus jenem schwanken 
und luftigen Wipfelbau, 

brachst du aus dem Gewirr der Brombeerranken 

dir eine Blume, um das sanfte Blau 

den Zähnen hinzuzwängen wie Beruhigung.“ 

Peter: 

„O, damals war ich jung — so jung!“ 

Marianne: 

„Das bist du immer noch, wenn du dich nur ermannst!“ 

Peter: 

„Nicht nur! Mein Blut hat nie nach deinem Pfiff 

getanzt 

und wird sich auch im Alter nicht den Launen fugen. 
Doch hieß es nicht, sich selbst belügen, 
wenn ich, nachblättemd wie aus einem Buch, 
laut lesen muß, daß weder Streit noch Fluch 
die Jahre, die uns unzertrennlich banden, 
durchtönten wie der Donner, der in andere Häuser brach? 
Gewiß, auch uns kam etwas, das wie Messer stach, 
wir wissen auch nicht, wo wir einmal landen.“ 


47 



Marianne: 

„Weißt du, weißt du wie mein Bemühen durch die 

Ställe sprang? 

Das Vieh zehrt Sonntags noch von meinem Überschwang, 
und niemand hilft mir, wenn die Arme schmerzlich 

schwellen. 

Die Streu ist trocken und die Tröge sind wie Spiegel 

blank, 

und aus den Eutern hört die Milch nicht auf zu quellen/ 1 

Peter: 

„Daß deine Tage schwer in Arbeit gehn 

wie die, die andrer Frauen Schwächen überwehn, 

muß ich schon loben; doch ich könnte stolzer schweben, 

wenn deine Hand, die mir gehört, 

nicht immer so gereizt und so verstört 

nach der des Nachbarsohnes würde beben.“ 

Marianne: 

„Schlägt Eifersucht durch deine Schläfen schon so laut, 
daß dein Verstand nicht mehr der Unschuld eines 

Knaben traut?“ 


Peter: 

„Wenn ich dies bloß erwähnte, so geschah es um zu 

lachen 

und deiner Liebe Wildheit zu entfachen.“ 

Marianne: 

„Man glaubt es innen, was man laut nicht wagt zu sagen.“ 

Peter: 

„Ich will nur, daß für uns der Acker Früchte reift 
und daß sich ihm nur unsrer Muskeln Stärke steift. 


48 



Dein Vorfahr und mein Väter ließen auch nicht tragen 
von fremden Schultern, was den ihren aufgebiirdet war . 41 

Marianne: 

„Noch nie roch jemand, wo ein Knabe half, Gefahr . 44 

Peter: 

„Laß andere blind sein. Ich sah in dem Knaben 
den Wolf, der jäh in meine Hürde bricht. 

Und weißt du nicht, 

daß meine Ohren feine Saiten haben, 

wo alles widerklingt, 

was dunkel durch die Räume schwingt? 

Ich weiß, wenn meine Sense durch die Wiesen blitzt, 

daß schon ein anderer weich auf meinem Sessel sitzt 

und daß sein Rock an meinem Nagel hängt; 

weiß, daß er dich vom Feuer drängt, 

hineinzuwerfen meine Scheite, 

und von dem Waschhaus bis zum Stall 

und durch die Abendgänge all 

nicht weicht von deiner Seite. 

Und seine Spuren sind noch warm, wenn ich erscheine, 
und wenn ich müde hinstreck die durchnäßten Beine, 
schlüpft er vielleicht, sich zu verstecken, 
ins Dickicht der Holunderhecken . 44 

Marianne: 

„Du Narr! Dich sticht die Eifersucht . 44 

Peter: 

„Wenn sie mich stäche, kam der Bube nicht zur Flucht. 

Ich Überraschte euch und wüßte, 

was schon mein Bruder sah, wer dich im Keller küßte . 44 

49 



Marianne: 

„Des Bruders Augen sehen immer Flammen weiß, 
wo Asche glimmt, und Küsse, wo ein Lachen geht im 

Kreis.“ 


Peter: 

„Warum ist auf der Tenne Stroh gelegt, 
da doch kein Mensch den Dreschflegel regt?“ 

Marianne: 

„Ach, Dummer, unsre Katze wird bald Junge haben!“ 

Peter: 

„Warum sieht man dort hinter dem Graben 
die Spur von deinen Schritten andrer Spur so nah, 
wie ich sie nur von Zweien, die sich küßten, sah?“ 

Marianne: 

„Ein Hund hat mich verfolgt und sprang mich an 
und zwang mich auf die Knie und biß mich dann!“ 

Peter: 

„Wie flog aus deinem Haar die Locke fort, 
die ich zufällig fand, 
als ich am Brunnenbord 
den Efeu tiefer band?“ 

Marianne: 

„Seitdem du mir den Spiegel hast zerschmissen, 
hab ich mein Haar am Wässer flechten müssen.“ 

Peter: 

„Frau, deine List ist spitzer als die Splitter 

des Spiegels, den ich einst zerwarf am Kellergitter!“ 


t 


50 



M arianne: 

„Sprech ich nicht wahr, soll mich der Schutzpatron 

verfluchen. 

Doch wenn du Mut hast, kannst du auf der Stelle hier 
die Schränke und die Truhen durchsuchen; 
du wirst nichts finden, was nicht dir gehört und mir. 
Und sieh mein Auge, sieh auf seinen Grund: 
es fürchtet sich vor den Falten um deinen Mund 
mehr, als die Fenster das Gewitter furchten, das von 

Westen kommt. 

Wir kennen uns genau und wissen, was uns frommt. 
Und Tag wird wieder sein, wo alles Böse in dir schweigt 
und aus Bereuen Träne auf und nieder steigt.“ 

Peter: 

„O, wie du mir das Bittere des Weines zu versüßen 

weißt, 

den ich aus deinen Händen Tag für Tag empfange. 
Doch wenn durch Zufall, oder wie es sonst noch heißt, 
ich den im Walde irgendwo erschlüge, den ich lange 
schon als den feigen Buhlen meines Weibes meine?“ 

Marianne: 

„Ich würde ihn beweinen!“ 

Peter: 

„Und wenn ich dann vergesse und das feige und ver- 
fluchte 

Gebaren meines Herzens wieder deine Lippen suchte?“ 

Marianne: 

„Ich würde singen, du! Denn du bist ja noch immer der, 
der in mein Herz einst einbrach wie ein Meer, 
als ich dich sah, 

wie du, dem Himmel furchtlos nah, 


51 



die Axt schwangst, daß die Zweige wuchlig fielen. 
Man warnte: mit dem Leben nicht zu spielen! 

Doch du stiegst höher nur empor und nahmst Gefahr 
wie seligen Gewinn. Ich bangte um dein Leben 
und liebte doch zugleich dein sichres Schweben 
durch Laub und Wind und Wolken sonderbar. 

Und als du niederstiegst aus jenem schwanken 
und luftigen Wipfelbau, 

brachst du aus dem Gewirr der Brombeerranken 
dir eine Blume, um das sanfte Blau 
den Zähnen hinzuzwängen wie Beruhigung, 
und warst so jung, so jung!“ 


52 



V 

Benedikt: 

„Ich weiß es wohl, 

daß meine Beine, die ich blind 

mit meinen langen Händen fasse und befühle 

und sie hinausstreck in die Abendkühle, 

ich weiß es wohl, ich weiß es wohl, 

daß meine Beine dürr und dünn wie Nägel sind; 

und daß ich langsam bin und müde bin. 

Ich weiß es auch, daß all 

die Pfeifchen Tabak, die ich hier 

mit euch noch schmauchen darf, wenn Dunkel spinnt, 
gezählt sind vom Verfall. 

Und dennoch macht es mich nicht heiß, 

daß ich dies weiß, daß ich dies weiß 

Denn niemand sah den Mai vorübergehn 

und den Oktober durch die Bäume wehn, 

wie ich es sah vom alten Treppenflur, 

der meinen Ahnen schon ein guter Ausguck war. 

Und niemand ist, der Erde so wie ich erfuhr 
und lieb hat wie die eignen Augen und das Haar.“ 

August: 

„Fünf Jahre schlafen deine Söhne schon 
dort auf dem Feld, wo ihre Mutter ruht. 

Und über den drei hochgewölbten Hügeln 
aufloht im Mond der gleiche rote Mohn 
und spannt ein Engel in der Mittagsglut 
die gleichen weißen Marmorflügel.“ 

Benedikt: 

Um Erde tief zu lieben, muß man einsam stehn. 

Als noch mein Weib und meine Söhne lebten, 
war immer Zwietracht, wo wir rauschend schwebten. 

— Habt ihr das nie erfahren, nie gesehn? - 


53 



Wir stritten um den Dünger, um die Saat, 

um das Gedeihn der Lämmer, um den Tag der Mahd. 

Jetzt fügt die Wirtschaft sich nur meinem Willen. 

Kein Schritt erdröhnt im Feld, 

den ich nicht schreite, um die Erde aufzurillen 

mit fester Faust, die Egge rührt und Pflugschar stellt. 

Bin eigner Herr und bin es, um zu sein! 

Die Saat folgt mir, und ich gehorche blind 
den alten Regeln. Und es bebt kein Halm im Wind, 
und auch kein Baum wiegt sich im Abendschein, 
die wachsend nicht durch meine Hände gingen, 
und klopfend lobt mein Herz, was sie vollbringen.“ 


Jakob: 

„Fürwahr, das ist ein Glück, wer Erde so besitzt!“ 


Benedikt: 

„Ganz plötzlich kommt es mir ins Hirn geblitzt, 
daß ich im Mai, wenn Stille noch die Fluren überschweigt 
und nur die Lerche steigt, 

aufs Feld muß gehn, wo sich drei Wege weiten, 
um mir ein Häufchen Erde, drin die Brut 
der ausgesäten Gerste ruht, 
auf meiner Linken langsam auszubreiten. 

Und wenn ich dann das kleine Samenkorn 
betrachte, das sich in der weichen Erde dehnte 
und Regen trank und goldnes Licht ersehnte, 
und sehen muß, wie es mit einem grünen Dorn 
der Schalen rosiges Opal durchsticht, 
fährt ein Erschauern über mein Gesicht: 
daß aus dem armen Keim, kaum auszusprechen, 

Gott und die ganze Schöpfung brechen!“ 


54 



Simon: 

„Mag sein, daß uns die Heftigkeit abgeht, 
die dich entfacht, den letzten Schacht der Erde aufzuspüren. 
Wir würden auch nicht wagen, Dinge zu berühren, 
die noch das dunkle Los der Keime überweht. 

Die Saat will ruhen, bis sie strahlend aufersteht.“ 

Benedikt: 

„Wer Erde liebt, muß sie wie eine Frau erfahren. 
Doch prüft, wenn dieses auch die Brust zerreißt, 
ob meine Liebe Lästern heißt: 

Warum stehn Flachs und Erbsen seit zehn Jahren 

auf meinem Feldstück siebenmal so dicht 

wie auf dem Acker dort, den eure Pflugschar bricht? 

Warum steift sich mein Grummet saftiger den Schnittern 

als jene armen Halme, die auf euren Wiesen zittern? 

Warum geriet nur mir Luzerne da, 

wo früher Farnkraut stand und Erika? 

Und in dem Jahr, als Frost die Blüte von den Bäumen 

schlug, 

war es mein Garten nicht, der Früchte trug, 

drei schöne Apfel, die ich euch auf einem Teller wies? 

Wißt ihr noch dieses? Wißt ihr dies?“ 

August: 

„Daß du beweglich bist wie Wasser, das sich Wege bricht 
durch Wurzelwerk, von Kieselstein zu Kieselstein, 
wer glaubt das nicht?“ 


Benedikt: 

„Ich prüfe alle Dinge auf ihr Sein 

und gebe jedem Flecken Feld das ihm Gemäße. 

W r eiß um das Werden aller Kreatur 

und sammle, was mir aufgeht aus der Schöpfung Spur, 


55 



* 


wie süße Beeren in Gefäße. 

So wie man über eine Rose haucht, 

daß sie dem Blick ihr Mittelherz entfalte, 

bin ich der Erde nah, die ich verwalte 

und dessen sich mein Witz nicht schämen braucht.“ 

Simon: 

„W r ir haben unsere Geheimnisse und du die deinen!“ 

Benedikt: 

„Dort, wo euch Dinge wolkenhaft erscheinen, 
gibt es nur ein Geheimnis, das mich trägt: 
die Erde, die Millionen Leben 

so lebt, wie ich das eine, liebe ich wie meine Hand 
und wie das Blut, das laut durch meine Pulse schlägt. 
Im Mai, wenn neue Knospen himmlisch schweben 
und Sonne auf der Erde steht wie eine weiße W r and, 
fühl ich die junge Saat aus meinem Körper brechen 
und meine Haut zerstechen. 

Ich fühl sie wachsen wie ein zweites Herz, das laut 
durch meinen Busen braust. Und der Geruch von den 

Luzernen 

umweht mich in der Mittagsglut wie ein Gewühl von 

Sternen. 

Mein ganzer Körper ist wie umgebaut, 

und daß ich tanzend nicht die Beine hebe, 

_____ *» 

nicht von der Erde in den Äther schwebe, 

ist eure Dummheit schuld, die mein Gefühl verlacht 

und mich zum Narren macht.“ 

Jakob: 

„Ach, wenn nur jeder das von deiner Fülle nehmen würde, 
was ihm an W T itz und Kraft und Mut gebricht, 
war dieses Dorf nicht mehr wie eine enge Hürde; 
die Scheunen bögen sich und Geldsack sähe Goldgewicht.“ 


56 



August: 

i>* a, alles würde breiter stehn und weiterwehn ! a 

Benedikt: 

„Ihr wißt es wohl, daß ich nur dieser eine bin, 
der weiß, wie man die Äcker mit Gewinn 
so zwingt, daß sie allein im All gebieten. 

Und daß euch heute meine Lippen mancherlei verrieten, 

das ohne Heuchelei und Prahlen war, 

geschah, weil über mein graues Haar 

ein Lauten hinfuhr wie von Totenglocken, 

das aussagt: daß ihr langsam seid und müde seid, 

und daß die Stimmen, die ihr hintönt in die Zeit, 

schon leiser gehn und brüchig stocken, 

und euer Mund vergeblich in die Asche faucht, 

wenn Pfeifchen nicht mehr raucht . 44 


57 



VI 


Der Gärtner: 

„Wo warst du, Schäfer, in gehegter Hirtenpflicht, 
bevor dich heimisch machte unserer Gärten grünes 

Knospenlicht?“ 

Der Schäfer: 

„In der Campine, wo Schlehdorn schlechte Wege säumt 
und violette Schatten endlos schweben, 
trieb ich mein Vieh durch magre Gräben. 

Ich war auch dort, wo wildes Wasser schäumt 
im untern Flandern. Schiffe sah ich da 
und Fischerboote, die ins Ferne gingen, 
auf blauer Höhe Aal und Flundern fingen. 

Mit Tau und Segelwerk und Mast und Rah 
bewohnten sie das Meer wie eine kleine 
wild hin- und herbewegte Dorfgemeine. 

O, jenes Land hat nichts als Sand und breite Flüsse, 
gewaltigen Wind und schwere Regengüsse.“ 

Der Gärtner: 

„Die Erde hier mit Gärten, Laubwald, Ahrenau 
hat mich von Kindesbeinen an genährt, gehoben. 

Wohl bin ich grau entrückt; doch alte Kunst zu proben 
fährt meine Hand noch rüstig durch den Rosenbau. 
Ich steife nach der Väter Regeln die gewundenen Ranken 
spalierbreit hoch an allen kahlen Mauerflanken. 

Ich setze meinen Spaten noch wie im Gehilfenjahr. 
Durch meinen Kopf gehn die Gedanken immer klar, 
und lachen muß ich, wenn den jungen Dachsen 
die Weisheit aus den Büchern Hand und Hirn verwirrt. 
Ich kenne das Geheimnis dieses Bodens, habe nie geirrt, 
und meine Füße sind wie Wurzeln fest mit ihm ver- 
wachsen.“ 


58 



Der Schäfer: 

„Du liebst dein altes Handwerk also immer noch?“ 

Der Gärtner: 

„Ich wüßte nicht, daß ich den Händen jemals anderes 

ersann 

als das, waä ich vom Vater erbte und verwaltend wahre. 
Sieh, das gerät nur gut, was man von Jugend an 
ausübt und sichtbar weitet mit dem Gang der Jahre.“ 

Der Schäfer: 

„Mein Väter war erregt und gut zugleich. 

Unstet durchschweifte er die braunen Heideflächen. 

Und kam er heim, ermüdet und mit Atemschwächen, 
sah ihn noch Mittag auf dem Lager abgezehrt und bleich. 
Man kennt den Wind nicht, der sein Leben überwehte, 
weiß nicht, wohin ihn dunkle Welle drehte. 

Der Tod hat seinen Namen ausgemerzt in dem Gedächtnis- 
buch 

der Heimat. Ich nur lade ihn noch manchmal zu Besuch.“ 

Der Gärtner: 

„Man fühlt schon, daß Oktobersonne durch die breitem 
Kulturen hinschwebt mit verkümmertem Gesicht 
und daß es ihr an goldner Kraft gebricht, 
das saure Herz der Trauben aufzuheitern. 

Bald wird der Herbst aus großen Regeneimern gießen ; 
dann muß ich die gläsernen Dächer aneinanderreihn 
und, um dem schwarzbelaubten Lorbeer nah zu sein, 
mich in das Treibhaus wochenlang einschließen. 

Ach, seltne Pflanzen muß man so wie kranke Kinder 

warten, 

mit denen jede Stunde unverhoffte Szenen spielt. 

Der Nachbar, der mich nicht mehr rüstig sieht im Garten, 


59 



hält mich für einen Geizhals, der sein Gold beschielt. 
Doch meine braune, überschwielte Hand 
muß junger Azaleen weiße Hochzeit vorbereiten 
an Tagen, wo der Rauhreif beißt und kriegerische Winde 

schreiten. 

Und ist erwacht der Geranien Purpurbrand, 

der Lilien Inbrunst und der Fuchsien Liebesgraun, 

wird denen Auge offen stehn, die meiner Hände Werk 

mißtraun.“ 

Der Schäfer: 

„Wir treiben nicht den gleichen Fluß hinab zum Ziel; 
doch müßt ich lügen, wenn ich deine Kunst geringer fände 
als das Bemühen meiner hingeregten Hände. 

Ich bin nicht so wie du umgrenzter Dinge Zwinger und 

Gespiel. 

Ich muß die Brust ins Weite dehnen und dem Tausend- 
fachen nah 

und herrisch sein. Muß mit dem Wind mich messen, 
seine Donner über mich ergehen lassen und vergessen« 
Ach, keine Ebene, die ich auf meinen Wanderungen sah, 
ist so geweitet und durchtobter Dinge schwanger 
wie meine ausgeschwärmten Schafe auf dem Anger, 
wenn über ihre Rücken nach den Abenduntergängen 
die ungeheuren Schatten der Getreideschober ziehn. 
Gewiß, ich habe oft erwogen, in ein Land zu fliehn, 
wo man das Gold aus Steinen schlägt an schroffen Ufer- 
hängen. 

Doch meine Tiere ließen mich nicht fort von hier; 
sie standen näher wie die Menschen mir. 

Ich friere mit, wenn Fieber ihre Augen überfrieren, 
und weiß für jede Krankheit, die sie quält, 
ein Mittel, das erschlaffte Sehnen wieder stählt. 

Und keine Arzenei ist meinen Tieren 


60 



so dienlich wie der Balsam, den ich mir 
aus Scharlachblüten destillier, 
die man in Vollmondnächten pflückt 
und durch ein Menschenhaarsieb drückt.“ 

D er Gärtner: 

„Man sagt im Dorf, du seist Beelzebub verbunden.“ 

Der Schäfer: 

„Ich kühle roten Brand, verbinde Wunden 
und weiß auch, was schnell tötet und zerstört.“ 

Der Gärtner: 

„So ist es wahr, was man zuweilen von den Mägden hört?“ 

Der Schäfer: 

„Vielleicht seh ich auch hell, denn meine Augen schneiden 
wie Messer durch den schwärzesten Schattenkern. 
Meine Kraft empfange ich von einem blauen Stern.“ 

Der Gärtner: 

„W r enn ich dein Freund nicht wäre, würde ich dich 

meiden!“ 


Der Schäfer: 

„Mein Haus steht jedem, der mich aufsucht, frei. 

Nur wer das Böse will, glaubt noch an Hexerei. 

Oft schwanke ich wie ein Geblendeter durch Birken- 
schneisen. 

Doch wenn mich der geheimnisvolle Ruf beschwört, 
bin ich wie umgewandelt und nicht mehr verstört; 
seh Feuerräder hoch im Äther kreisen, 
die keiner sieht und die nur ich ausdeuten kann. 

Mein Puls klopft fieberhaft und Atemzüge halten an. 


61 



Die Gräser, die ich zart berühre, klingen, 

aus hohlen Weiden wuchtet eine zauberische Hand 

und fuhrt mich wie an einem straffen Band 

zum Weiher, wo Gespräche mich zu lauschen zwingen, 

und wenn die Meteore mich mit großen Augen überwehn, 

muß ich mich in den vorgeschriebenen Figuren drehn. u 

Der Gärtner: 

„Warum ist mir nicht jene Macht verliehn: aus dem 

Gestirn 

in Stunden, wo die Nachbarn schnarchen, ferne Zukunft 

zu entwirren?“ 

Der Schäfer: 

„Vergnüge dich mit . deinen Blumen, laß den Herd 
nicht ohne Flammen. Deine Augen werden nie erfahren, 
was Weiden in dem tiefen Wurzelschacht bewahren, 
was Mond verrät und Schweben der Kometen lehrt . . . 
Die Sümpfe rauchen wie verrückt. Das Wetter wird 

sich ändern . . . 

Leb wohl, mein treuer, brauner Gärtner.“ 

Der Gärtner: 

„Gute Nacht, mein Schäfer.“ 




62 



VII 


Vinzenz: 

„Gewiß, ich fühle mich nicht so verwandt 

dem Weinberg und dem Feld 

und so hineingestellt 

in alles, was einst meinen Väter band. 

Ich weiß auch, daß ich das, was diese anspruchsvolle Erde 
an Kraft bedarf, nicht halb erfüllen werde. 

Mein Vater war im Glauben stark; ich zaudre schwach, 
mein Vater schritt sehr langsam vor; ich stürme jach. 
In seinen Reden war er rauh wie Pappelrinde, 
und was er dachte, flog nicht fort in alle Winde. 

Und an dem Tag, da ihm das Auge furchtbar brach, 
zerrieb er, als man Gerste einfuhr wie auf Kähnen, 
noch eine reife Ähre mit den harten Zähnen. 

Und daß der Körner Härte ihm den Hals zerstach 
und scharfe Hachein ihm den Atem stickten, 
geschah, weil seine Augen weinend auf die Fluren blickten.“ 

Philipp: 

„Wir handeln alle, wie Gefühl und Lust bestimmen!“ 

Vinzenz: 

„Mein Vater haßte die gewaltige Stadt besinnungsdumpf, 
haßte den wilden Lärmdiskant der Riesenläger, 
haßte das bronzene Gebrüll der aufgetürmten Uhren- 
schläger, 

haßte die Fahrt durch den schwarzroten Sumpf 

aus Rauch und Flammen, haßte das Gewühl der Wagen. 

Doch wenn er am Johannistag den Weg dorthin erwog, 

um Ochsen zu verkaufen mit Gewinn, 

ließ er auf seine Ackerstiefel neue Eisen schlagen, 

nahm Erde mit, wenn er hineinfuhr mit den Zehn, 

um in der Fremde noch auf seinem eignen Boden zu stehn. 


63 



Philipp: 

„Wir handeln alle , wie Gefühl und Lust bestimmen, 
und wissen kaum, daß Nachbarn sind, die besser schwimmen. 
Mein Vater haßte auch und hatte seinen Wahn; 
doch keiner von uns Söhnen fuhr die gleiche Bahn. 
Der eine sah den Hafen, sah das Meer, 
fuhr über den Äquator und fuhr kreuz und quer, 
war Kuli, wurde Trapper und, dem Ziele endlich nah, 
Goldgräber in Amerika. 

Der zweite hat sich in der Vorstadt ein Lokal gepachtet, 
wo Fusel stinkt und schlechtes Bier Verstand umnachtet. 
Der dritte wurde Fuhrmann vor dem Herrn. 

Der vierte ließ sich in ein Bankhaus sperrn, 

wo auf denTischen, wie er sagt, derPulsdes Weltalls klopft. 

Nur ich allein bin denen treu geblieben, 

die aus dem harten Acker sich ihr Dasein sieben; 

doch keinem Ruf, der Neues bringt, halt ich mein Ohr 

verstopft.“ 

Vinzenz: 

„Dank deinem Ratschlag grub ich in das Feld 

den scharfen Dünger, den der Chemiker zusammenstellt. 

Und mit Hallo und hellem Peitschenzücken 

ziehn die vier Gäule, stahlstraff eingesielt, 

die Mähmaschine auf den Hügelrücken; 

die rasende Maschine, die an einem Tag 

leicht, wie wenn jemand mit der Sichel spielt, 

die Gerste abmäht und den breiten Roggenschlag. 

Ach, lang ist es her, daß Väter, den kein Altern bog, 
mit seinem Weib und uns fünf Söhnen in die Korn- 
mahd zog.“ 

Philipp: 

„Früh, wenn die Hähne krähen, wird die Milch filtriert, 
wird abgefüllt und ausgemessen in die Kannen 


64 



von Zink und Kupfer. Und ich laß das Pferd anspannen 
vor meines blauen \Wgens Brettgeviert. 

Und in die Stadt, wo über tausend schwarzen Häusern 

Morgensonne lacht, 

fahr ich die weiße jungfräuliche Fracht. 

Und wo vier Straßen ineinanderbiegen, 

laß ich den Peitschenknall wie Vogelzwitschern fliegen. 

Dann klappern Mädchen mit den Holzpantoffeln laut 

und zeigen weiße Zähne, tun mit mir vertraut, 

als wüßten sie, daß mit der Milch, die meine Hand 

ausgießt, 

ein Stück von meinem Innenleben fließt, 

und daß ich dieser großen Stadt für ihr gemünztes Geld 

hingeben muß die Kraft und den gesunden Saft von 

meinem Feld. 

Und ist mein Werk getan, seh ich die Stadt genauer an. 
Bleib stehn vor Schmieden, wo die schweren Hämmer 

rasen 

und in die rohen Eisenblöcke eine neue Seele blasen. 
O diese vielen Dinge, die man aus dem Stahl dort 

strecken kann, 

und die bestimmt sind für den Acker, der uns nährt, 
wie hab ich sie studiert und ihren Zweck mir vorerklärt.“ 


Vinzenz: 

„Hörst du nicht schon das dumpfe Schnauben 

von meiner Mähmaschine, die dort weit mit ihren 

Flügelschrauben 

die Gerste schneidet? Ihre Deichsel ist mit Gold ge- 
schmückt, 

und wenn sie ihre Messer in die Ähren zückt 
mit gleichen Schlägen, bleibt kein Halm mehr stehn. 
Man meint oft einen großen Vogel da zu sehn. 


65 



der auf der Erde Kreise zieht, die fast ins Blaue schneiden. 
Nicht wie ein Fremdling, den man furchten muß, 
erscheint sie mir. Und brachte sie im Anfang noch 

Verdruß, 

kenn ich die Vielzahl ihrer Räder jetzt im Dunkeln, 
und mein Verstand begreift das Gute, das sie schafft. 
Und steht sie abgestellt und kraftlos in der Haft 
der Wogenschuppen zwischen Sense, Axt und Feldgerät, 
mit ihren Schneidezähnen, Walzen, Panzerspeichen, 
scheint mir, daß niemand mehr dort Zwietracht sät 
und daß sie alle einer friedlichen Familie gleichen.“ 

Philipp: 

„Wer wird noch hassen, was das feurige Gehirn 
der Technik, hinter der gewaltigen Stirn 
der Stadt, sich ausdenkt, durchformt und vollführt? 
Ein Narr, der nicht den steten Wechsel spürt, 
dem alle Dinge unLertänig sind und dem die Städte 
der weiche Stoff sind und die willigen Geräte. 

Das Neue, das von dorther zu uns kam, 
erschuf uns klare Augen, helle Hände. 

Und wenn ein Blitzzug einbricht in die Saatgelände, 
muß er die blaue Stille, die er ihnen nahm, 
und auch die Durchfahrt schwer mit Gold aufwiegen. 
Mein Zorn wird nicht zerblitzend in die losen Mäuler 

fliegen, 

die mich Verräter schelten, wenn ich einen Morgen 
von meinem Acker denen, die ihr Geld verborgen, 
für einen teuren Preis verkaufen kann. 

Denn der fuhr immer gut bergan, der sich auf seine 

Zeit besann.“ 


Vinzenz: 

„Dein Spruch ist klar, und daß er nicht ins Blaue schlägt, 
zeigt mir der Weinberg, der jetzt doppelt trägt. 


66 



seit du mir beisprangst. Und ich weiß es noch aus 

jenen Jahren, 

da ich die Spur der Ahnen schritt, die diese Wege 

ausgefahren 

und dieses Hauses Schwelle langsam abgenützt, 
daß dem, der sich auf die uralten Regeln stützt 
und seine Hände nach dem Gang der Jahreszeiten regt, 
Verstand nicht folgt, wenn Wind den Schimmel von 

den Feldern fegt.“ 


Philipp: 

„Der alte Geist der Felder hat sich überlebt 

wie jenes Strohdach dort, das morsch und haltlos schwebt. 

Die neuen Zeiten brachen wie Barbaren ein. 

Doch stehn wir wie ein Dach mit roten Ziegeln 
und wie die Fenster mit den Wetterriegeln, 
wird uns ein Hinbruch nimmer Schicksal sein. 

Feig ist, wer sich verliert, Gemünztes zu probieren; 

doch uns laß er den Glauben, daß für ihn 

der Regen und der Wind, das Licht und Wolken, die 

vorüberziehen, 

noch immer als das alte Schauspiel existieren.“ 




67 




DORFGESCHICHTEN 




DER UNENDLICHE ZECHER 


In Flandern lebt ein Zimmermann, 
der jeden Mittag, wenn der Glockenbann 
von Turm zu Turm das Sanktus schwingt, 
wie ein Verrückter in das Wirtshaus springt, 
zwölf Pinten Bier zu saufen. 

Zwölf Pinten Bier läßt Zimmermann 

in zwölf gewaltigen Zügen 

durch seine Gurgel laufen, 

und jedem Zuge geht ein Prost voran, 

ein Prost den Dingen, die sich auf der Welt vergnügen. 

Die erste Pinte ist dem Januar geweiht, 
dem Heiligen im Flockenkleid, 
das rosig scheint wie Blütenflaum 
auf einem Apfelbaum. 

Die zweite Pinie wird erhoben, 

Mariä Lichtmeß laut zu loben, 
und daß der Schnee am Wäldersaum 
schon hin floß wie verwehter Schaum, 
und eine Drossel auf den Giebel klettert 
und lenzliche Gefühle sieghaft schmettert. 

Die dritte Pinte, blänkernd wie Metall 
nach einem raschen Regenfall, 
muß den vergrämten März begießen. 

Im März hat sich schon schwarzer Sturm gelegt, 
doch oft geschieht es, daß sich Hagel regt 
und Uber Felder, die sich kaum erschließen, 
wie Zinken einer Egge fegt. 

April, dir kommt die vierte Pinte zu! 

Noch schläft der Wald in brauner Ruh: 




die Gerate aber schärft die grünen Lanzenspitzen, 
das Fell der Erde wütend aufzuschlitzen, 
und lockt die Lerche aus dem Kraut hervor 
und läßt sie hoch ins Elaue reisen. 

Und unten tönen märchenhaft die leisen 
Geläute aus dem Blumenflor. 

Die fünfte volle Pinte steigt, 

den Mai zu rühmen, der mit weißen Kerzen 

sich vor den heißentflammten Herzen 

der Mädchen wie vor Heiligen verneigt. 

Und wie ein Herz hebt auch der Zimmermann 

die Pinte hoch empor 

und lacht die Kleinen an, 

die draußen vor dem Gittertor 

im Kreiselreigen springen 

und die unsterblichen Reime der Kindheit singen. 

Du wirst verwirrt sein, schöner Rosenmond, 
wenn Sonne dein smaragdenes Schloß bewohnt, 
und Zäune, die in brauner Anmut standen, 
auf lodern wie ein feierlicher Fackelzug.' 

Mit deinen purpurnen Girlanden 
verbrämst du noch den letzten Schattcntrug 
an Hecken, Tor und Giebel wand. 

Du zauberst rote Disteln aus dem Ufersand, 
und die Verliebten, die durch deine Lauben säumen, 
hast du noch immer vor dem Späherblick geschont. 
Du bist Apoll und Eros, schöner Rosenmond, 
dir soll die sechste Pinte schäumen. 

Mein Zimmermann: 

erhebe schnell den neuen Krug 

und leere ihn in einem einzigen Zug! 

Die weiße Julizeit begann 


72 



mit Abenduntergängen ungeheuer. 

Heuwagen, überblitzt yom Sonnenfeuer, 
wehn durch Chausseen wie heißer Atem weiter. 

Der 'Wind sprengt wie ein Zirkusreiter 

durch die Gebüsche, wo die Pärchen gehn 

und zitternd sich bereiten, 

tief in den roten Klee zu gleiten; 

die Taumeltrunkenen, die nicht sehn, 

wenn Sense wuchtig durch die Schwaden greift 

und beinah ihre Stirnen streift. 

Wir loben alle den August, der auf dem Feld 
den Roggen hundertfältig schwellt, 
wenn der herabgebeugten Halme Schatten 
wie violetter Flor auf den verstaubten Pfaden ruht. 
Wir loben alle den August, der breite Tropfen Blut 
vom Mohn auf Stirnen träufelt, die ermatten. 

Von all den Ringen, die zum Jahr sich schließen, 
ist er der eine, der das Uberfließen 
der uferlosen Ernten halten kann. 

Wir loben ihn und wissen, daß zu seinen Ehren 

der Zimmermann 

das achte Glas muß leeren. 

Das Bier der neunten Pinte funkelt blond 

wie das Gewühl der Trauben, das September übersonnt, 

auf den geschwungenen Hügelhängen. 

Du blondes Bier, des Weines Schwesterseele, 

der Mann, durch dessen weite Kehle 

du wild hinabschäumst, weiß von göttlichen Gesängen 

in Zecherlauben, wo der Traubensaft 

das Blut befeuert und die Schläfen schön erschlafft. 

Und weit in südliche Gefilde schwebt 

sein Herz, wenn er die purpurfarbene Pinte hebt. 


73 



Obwohl Oktober schon den schwarzen Regen streicht 
und Nebel in die traurigen Gärten schleicht, 
schallt aus den Schenken, die sich grün bekränzen, 
Gedröhn von wilden Kirmestänzen. 

Der Zimmermann, der dreißig Halbe säuft, 
wenn Kirmesjubel durch die Weiler läuft, 
liebt die robusten Tänzerinnen, 
liebt braune Burschen, die der Polkatakt 
gewaltig packt, 

die Mädchenherzen zu gewinnen. 

Sein Stolz ist: Beispiel diesem Volk zu sein, 
und wie ein Krieger auf dem Feldhermslein 
steht er gebietend auf dem Faß 
und trinkt das zehnte Glas. 

\\ ie auch Novemberwinde um die Giebel rasen, 

den Zimmermann glatt umzublasen, 

sind sie zu schwach und treffen seine Beine nie. 

Er hebt die elfte Pinte in das Eicht, 
und halb im Heben leert er sie 
und schwankt noch immer nicht. 

Die Burschen streicheln ihm den Kopf verstohlen 
und gehn und kommen wieder 

und gehn zurück ins Dorf, des Zimmermanns drei Brüder 

und seine Schwester herzuholen, 

die laut sind, wo der Flegel über Garben läuft, 

und nicht erraten, 

welche Heldentaten 

der Bruder über ihre Häupter häuft. 

Endlich wird ihm die zwölfte Pinte aufgefahren; 
und wie er sie erhebt, durchbraust ihn eine Lust 
wie kaum in jungen Jahren. 

Er wirft sich breitgewappnet in die Brust 


74 



und zaudert nicht, die letzte Sprosse zu erklimmen. 
Die Nachbarn würden Huchen, Hennen, 
ließ er den sichersten der Siege schwimmen. 

Der närrische Gedanke darf nicht im Gehirn erbrennen! 

Die Hände eisenhart gespannt 

und beide Beine in die Erde eingerammt, 

leert er, mit Recht und Fug, 

dem Weihnachtsfest zur Ehre 

den letzten Krug. 


75 



DIE KONIGSKINDER 

Es waren einst zwei Königskinder, 
die trennte ein Gewässer breit; 
und eine Brücke war dort, weit 
am anderen Ende dieser Erde. 

Sie liebten sich, wer wird noch fragen, 
weil Wasser tief w r ar und so breit 
und unten eine Brücke, weit 
am anderen Ende dieser Erde. 


I 

76 



DIE ABGEBLITZTEN FREIER 

Im Rosenmond, wenn in durchwehten Lüften 
der unermessene Glockensonntag tobt, 
sind dir drei Burschen nah, und jeder lobt 
dich, Braune mit den schön geschweiften Hüften. 

Der erste singt: 

„Und war dein Herz wie jenes Blatt beschwingt, 

das in der Mondnacht in den Gipfelspitzen 

der Eichen hin- und herweht wie ein Blitzen, 

ich würde mit dem ersten Dämmerblau 

und bis zum Frühalarm, den Hähne schmettern, 

von Baum zu Baum, von Zweig zu Zweig hin klettern 

und sieghaft schweben durch den Wipfelbau . 41 

Der zweite singt: 

,Und war dein Herz ein Kiesel, der, umringt 
von grünen Tiefen, goldnes Licht gewittert 
und den kein böser Wellenschlag zersplittert, 
ich würde durch das Schlingkraut, durch die Schlucht 
gezogner Fischernetze mich erbosen 
und niedertauchen auf den uferlosen 
geheimnisvollen Grund der Muschelbucht . 44 

Der dritte endlich singt: 

„Und war dein Herz, das keiner von den Zweien zwingt, 

die seltne Frucht, die jenseits dieser Dämme 

auf einer Insel, wo Korallenkämme 

aufragen, im Gestrüpp der Sümpfe schwellt, 

ich würde mir ein Schiff zusammenschlagen 

und meine Sehnsucht um die Erde tragen, 

bis mir dein Herz den Weg verstellt . 44 


77 



Du aber zeigst nur deiner Zähne weißes Blitzen, 
bis diese Freier dunkel stehn und abgewandt, 
und rührst das Knie und hebst die Hand 
tanzend vorüber auf den Holzschuhspitzen. 


78 



GEHT FORT VON HIER 


„Geht fort von liier, geht fort von hier, 
Herberge gibt den Vogelfreien nur Quartier.“ 

„Gehört sie uns, gehört sie uns 

nicht schon seit dreimal hundert Jahren? 

Gehört sie uns, gehört sie uns 

nicht von dem Tor mit schweren Riegeln 

bis hoch zu den geschwärzten Ziegeln?“ 

„Geht fort von hier, geht fort von hier, 
Herberge gibt den Vogelfreien nur Quartier.“ 

„Wir wissen gut, wir wissen gut, 

daß da schon Sprünge sind und Lücken, 

und haben Mut, und haben Mut, 

die alten Löcher auszuflicken 

vom Keller bis zum Giebelrücken.“ 

„Geht fort von hier, geht fort von hier, 
Herberge gibt den Vogelfreien nur Quartier.“ 

„Wir lieben die, die dunkel rulm 

in Särgen unter den Melissen; 

beneiden die, die dunkel ruhn 

und in des Dunkels Gruft nicht wissen, 

daß uns Revolten schon die Brust zerrissen.“ 

„Geht fort von hier, geht fort von hier, 
Herberge gibt den Vogelfreien nur Quartier.“ 

„Das Recht bleibt stehn, das Recht bleibt stehn 
daß wir uns mit dem Adler schmücken. 

Das Recht bleibt stehn, das Recht bleibt stehn 



nach den Gesetzen, die uns mehr beglücken 
als volle Säcke, die nur Schwielen drücken . 11 

„Geht fort von hier, geht fort von hier. 
Gesetz und Recht verlachen wir! 

Geht fort von hier, geht fort von hier 
und wißt, 

daß unser Recht der Hunger ist. u 


80 



DIE ENTFLAMMTE MAGD SINGT: 


Komm, Wind! und löse meiner Haare Band, 
auf daß mein Liebster aufgeh in dem Brand. 

Du, blanker Tau, besprenge meine Hände 
mit Duft und Blüten, daß ein Wünscheheer 
sie durch die schwarzen Fensterrahmen quer 
hinzerre in den Wachtraum der Gelände. 

Der Regen soll mir so die Augen streichen, 
daß sie wie weiße Diamanten stehn 
und alle Dörfer, die sich hell vorüberdrehn, 
in meines Herzens Feuersbrunst erbleichen. 

Du aber, Sonne, mußt mein Haupt umzucken 
und meine Brüste härten wie Metall, 
wenn Männerarme mich im Überfall 
jäh in die süße Bucht der Kußnacht ducken. 

Komm, Wind! und löse meiner Haare Band, 
auf daß mein Liebster aufgeh in dem Brand. 




DER PANTOFFELMACHER 


Der Heiligen mit dem durchbohrten Herzen 
glühn blutigrot drei Opferkerzen, 
da in des Weibes Armen still 
PantoiFelmacher sterben will. 

Und Kindsyolk kommt in hellen Haufen 

vom Schulhaus hitzig hergelaufen 

und klappert einen Abzählkreis 

mit den Pantoffeln schwarz und weiß . . . 

„Still, still, mein Mädchen! Schweig, mein Bube! 
Ach, hier in dieser dunklen Stube 
faucht einen braven Handwerksmann 
der Tod mit bösem Atem an . 41 

„Nein, nein, mein Weib! Wenn Glocken schlagen, 
die meine Seele gottwärts tragen, 
muß auf dem braunen Straßenkreis 
Pantoffel klappern schwarz und weiß . 44 

„Wenn Lärm und Staub die Stille stören, 
wird niemand mehr den Priester hören, 
nicht hinknien, wenn das Glöckchen schellt 
und Kerzenglanz das Zimmer hellt . 14 

„Viel Schuhe, schön aus gutem Holz geschlagen, 
stehn aufgereiht dort in den Schrägen; 
ich will, daß Klappern geht im Kreis 
von den Pantoffeln schwarz und weiß . 44 

„Ach, wer kann da Gebete sprechen, 
wenn die Geräusche unterbrechen, 


82 



was leise yon den Lippen bebt 
und so wie Gottes Taube schwebt.“ 

„Ich höre schon durch blaue Weilen 
mein Herz die letzte Brücke überschreiten, 
wie wenn ein Klappern geht im Kreis 
von den Pantoffeln schwarz und weiß.“ 

„Wenn durch der Straßen banges Stöhnen 
die harten Holzpantoffeln dröhnen, 
singt dir kein Engel, tröstlich nah, 
das himmlische Halleluja.“ 

„Laß Glocken ruhig Sterbechöre schlagen, 
ich ruhe schon im goldnen Himmelswagen, 
der donnert durch den Siemenkreis 
wie Klappern yon Pantoffeln schwarz und weiß. 



DAS GOLD 


Verwahr es gut, verwahr es gut: 
vielleicht belauscht uns einer schon. 

Verwahr es gut, verwahr es gut: 
ich habe Angst, mein Sohn, 
daß Sonne, die durchs Fenster schielt, 
das Gold uns stiehlt. 

Verwahr es gut, verwahr es gut: 
nicht hier, doch unter den Getreidesäcken, 
nicht hier, doch in den Kellerecken 
im Bohnenstroh, 
im Torfmiill wo; 

man weiß es nicht, man weiß es nicht, 
wo Dieb zuerst einbricht. 

Besucht uns Tag, besucht uns Nacht: 
gib acht, 

daß niemand dort das Tor aufmacht. 

Bleib ruhig stehn, bleib ruhig stehn. 

Ich höre Schritte gehn, 
ich höre Atem wehn. 

Hörst du es nicht, hörst du es nicht? 

Man fingert an die Fensterscheiben, 

man will ein Eisen in das Türschloß treiben. 

Hörst du es nicht, hörst du es nicht? 

Ich werde niemals ruhig bleiben. 

Man meint mich alt, man meint mich alt, 
doch wer hat sich wie ich so in Gewalt, 
zu hören, wie die Totenuhren pochen? 

Und braust nicht, daß ich wachsam sei, 


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vom Abend bis zum Hahnenschrei 
die Gicht durch meine alten Knochen? 

Verwahr das Gold, wo Holzwurm schurrt, 
und brumm, wie wenn der Hofhund knurrt, 
der lange Schatten kommt schon näher. 

Siehst du nicht da im Schlüsselkreis 
ein Auge weiß, ein Auge weiß 
gierig auf unsre Hände spähen? 

Das Dunkel bleicht, das Auge weicht. 

Die Ratte, die uns narrte, schleicht 
zurück über die Holzgerüste. 

Der Schlaf kommt schnell, mein Kopf geht schwer. 
Wer wohl schiäff ruhig ein, wenn er 
sein Gold nicht unter den Kissen wüßte? 

Ach, wenn das Gold doch mein geschundener Körper 

war! 


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JUNGE MÄGDE 


Komm her, geht quer, 
geht einzeln oder Arm in Arm 
und löst euch, aus dem Schwarm 
zurückzukehren, 

da tausend Wege diese Erde überqueren. 

' Komm her, geht quer, 
geht Tag für Tag die Woche lang 
von Zaun zu Zaun, von Hang zu Hang 
die Wege quer in Wiederkehr. 

Doch Sonntags streift 

euch über Glieder, blank geseift, 

der Röckchen steifes Weiß. 

Geht quer und geht im Kreis, 

ergeht euch vor den Lauben, 

ihr Mädchen, frisch und flink wie Tauben. 

Dort wird die Schar 

der braunen Knaben stehn, 

und auf dem Rasen strähnt sich Schattenhaar. 

Kommt her, geht quer, 

auf daß euch irgendwer 

da unter den Gezweigen 

berumreißt zum Quadrillentakt der Geigen. 

Kommt her, geht quer und tollt euch aus, 
der Tanz ist wild wie Sturmgebraus, 
berührt, verfuhrt und will verwehen. 

Tanzt so, daß Tänzer, die euch küren, 
das Klopfen eurer Brüste nur verspüren; 
denn eines Tages kann geschehen, 


86 



daß der, dem ihr den Mund hinhält, 
das Herz mit Eifersucht euch g’ällt. 

Doch heute noch: kommt her, geht quer, 
am Zaun Torbei, durchs Ahrenmeer 
und packt die Milchgeschirre gut. 

Schon schwillt vom Waldrand graue Flut, 
und abendgoldner Herde ist der Frieden 
strohwarmer Ställe schon beschieden. 

Kommt her, geht quer, geht gut und ruht. 


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DIE WIESE 


Rahn drei Mädchen hinterm Mühlenwehr 
mitten in dem Margaretenmeer; 
sind verliebt und lachen 
über lauter du mm e Sachen. 

Wird der Wind sich wohl bemühn, 
von den Wangen, die geladen glühn, 
zu erfahren, was die flinken Zungen 
so zum Zwitschern hat gezwungen? 

Tausend Dinge kramt die erste aus, 
stockt und zieht verwirrt die Stirne kraus, 
fliisterts allen in die Ohren: 
daß sie gestern abend jagen ging 
und den Wanderschwarm ganz leise fing, 
der sich im Gehölz verloren. 

Und die zweite will nun auch nicht ruhn, 
weiß mit Blicken, die gewitzigt tun, 
weiß mit Worten schön zu prahlen: 
welche Mühe Hühnerzüchten macht, 
wenn der Regen auf die Dächer kracht, 
wenn die Froste Blumen in die Fenster malen. 

Ach, die dritte wird schon nicht mehr laut, 
Widerrede hat ihr Mundwerk zugebaut, 
lustlos läßt sie ihr Gespräch verfließen . . . 
Plötzlich trappeln Schritte über den Weg, 
nähern sich dem Wiesensteg, 
wo die Mädchen sich dem Grün erschließen. 

Nah vom Dorf drei Burschen blank und braun 
wandern stumm vorüber an dem Zaun, 


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wo drei Mädchen, die sie da nicht ahnen, 
mit den Augen hell zur Einkehr mahnen. 

Hoch am Himmel jäh ein Schatten zackt 
über Burschen, die kein Umschaun packt. 
Und drei Mädchen stehn erbost am Hügel, 
bis die Nacht herabschlägt schwarze Flügel. 


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TANZ DER GREISE UND GREISINNEN 


„Heraus, ihr Pfründner, schwingt das Bein! 
der alte Tod zog querfeldein. 


Daß heiße Lust euch übermannt, 
schäumt reifer Sommer durch das Land. 


Mit wilden Lippen küßt er fort, 
was schwärend euren Saft verdorrt, 

und eurer Augen blindes Grau 
klärt Glanz und uferloses Blau. 


Der alte Tod zog querfeldein, 

heraus, ihr Pfründner, schwingt das Bein!“ 

„Ach, ach, was sind wir krumm und dumm, 
die Gicht hackt uns in Kopf und Bein herum, 

und unsre Blicke sind zu schwach 
und ganz entwöhnt dem Goldgelach. 

In Stirn und Busen hat sich schon 

das Müdsein eingenistet; Feuer ist entflohn. 

Der Herzen Enge faßt es kaum, 

weiß nicht mehr, was Erinnern ist, was Traum. 

Die Gicht hackt uns in Kopf und Bein herum, 
acb, ach, was sind wir krumm und dumm!“ 

„Aus eurem Spittelgärtchen schwält 
ein Feuer, das erschlaffte Muskeln stählt. 


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Und junger Efeu überspinnt 
Verfall, der aus der Mauer rinnt. 


Seht, selbst den greisen Rosenbaum 
krönt noch ein roter Knospenflaum. 

Der Laube Doldenbunt fährt euch fürwahr 
wie eine Schmeichelhand durchs Haar, 

und was erschlaffte Muskeln stählt, 

ist Feuer, das aus eurem Gärtchen schwält.“ 

„Ja, ja, man reckt schon Hand, auf daß sie pflückt, 
was dunkelste Erinnerung schmückt. 

Und war es eine Rose bloß, 

die man sich zog mit eignen Händen groß. 

Und wie Geschwister, eins in Schritt und Wort, 
möcht man spazieren bis zum Brunnenbord, 

zu schauen, wie der Phlox gerät 

und sich mit jeder Morgenröte voller bläht. 

Ja, ja, man reckt schon Hand, auf daß sie pflückt, 
was dunkelste Erinnerung schmückt . 11 

„Grüßt euch der Gang der Buchen dort, 

dann bleibt nicht stehn, schiebt schnell das Gatter fort 

und sucht den Pfad der Kindheit auf, 
der eure Pulse hetzt zu schnellerem Lauf. 

Kommt Glockenton euch zugeweht 
von Dörfern, wo schon Abend steht, 

91 



ach, eine Glocke zieht den Ring 
da, wo einst eure Wiege ging. 

Schiebt trotzigwild das Gatter fort, 
grüßt euch der Gang der Buchen dort.“ 

„Ach, wenn wir unser Dörfchen schaun, 
wird Lust gewiß die Qual verbaun. 

Aus jedem Stein am Haus wird uns 
die Süße eines Muttermunds, 

kommt aus dem Aschenrest im Feuerloch, 
vom Nußbaumschrank, aus Wurmgepoch, 

von Stühlen, braun und ausgeflickt, 
vom Gnadenbild, das simsher nickt. 

Ach, wenn wir diese Dinge schaun, 
wird Lust die Qual gewiß verbaun.“ 

„Nun hört: wir feiern Kirmes hier, 

die in die Beine fährt wie Wahnsinn schier.“ 

„Ach, sagt uns, wie man Tanzbein stellt, 
daß niemand uns für Narren hält. 

Ja, früher war man noch nicht krumm, 
trank hundert Glas, warf Berge um. 

Und aus Klarnett und Brummbaß sprang 

m m 

des Tanzes höchster Überschwang. 

Und Lieder waren: so voll Lust, 
als tönten Harfensaiten aus der Brust. 


92 



Ach, sagt uns, wie man Tanzbein stellt, 
daß niemand uns für Narren hält.“ 

„Heraus, ihr Pfründner, schwingt das Bein! 
Der alte Tod zog querfeldein. 

Was liegt daran, daß Dudelsack 

heut nicht mehr br umm t den alten Takt. 

Der volle Schwung, der Leben heißt, 
ist Jugend, die unendlich kreist. 

Weht nur ein Funken Hoffnung wo, 
wird jedes Herz schon heil und froh. 

Drum all ihr Pfründner, schwingt das Bein! 
Der alte Tod zog querfeldein!“ 


93 



DER FUHRMANN 


Fuhrmann du, 

hebe mit ruhiger Hände Gleichgewicht 
dein Glas in das Licht. 


Hebe dein Glas, 

das Wasser, das Hopfen 

und Gerste von Flandern faßt. 

Hebe dein Glas, 

auf daß dir aus jedwedem Tropfen 
Erinnerungen als Gast 
ans Herztor klopfen. 

Gerste und Hopfen durchfuhren, 
bevor sie in Flaschen gezwängt, 
die Erde auf Wurzelwerkspuren, 
wo Saft alle Keime ans Lenzlicht drängt. 


Fuhrmann, wie du 

sahen sie nichts von der Welt 

als das unendliche Feld, 

das Alost und dort dein Termonde 

umgittert mit saatgoldner Ruh. 

Sie haben wie du den Regen getrunken, 
die Sonne geküßt 

und sind in das Nachtmeer gesunken. 

Und nun, mit dem Wasser des Flusses ge; 
sind sie das Bier im Haus, 
das deines robusten Körperbaus 
Durstigsein stillt. 


II 


ischt, 


Fuhrmann du, 

hebe mit ruhiger Hände Gleichgewicht 
dein Glas in das Licht. 


94 



Fordere und hebe im Schwung 

das zweite Glas; 

weih es der Wirtin jung, 

die hurtig über des Hauses Schwelle 

dir hinreicht das helle 

und goldkühle Naß. 

Denn so wie die Gerste, der Hopfen, 
entwuchs dieses Weib 
Flanderns fruchtbarem Leib. 

Aus der Felder Saft und der Bläue Glut 

kam ihr die Kraft ins heiße Blut, 

wusch sich in des Flusses Krümmung die Augen klar 

und reift wie die Ähren im Erntejahr. 

Fuhrmann du, 

leere mit ruhiger Hände Gleichgewicht 
dein Glas und vergiß mir die Heimat nicht 


95 



DER ZUG DER TOTEN 


Am Pfarrhaus muß die lange Reili 
der Toten aus dem Dorf vorbei. 

Der kahlen Särge Zug zu sehn, 
läßt Tischler Leim und Hobel stehn. 

Des Pfarrers Köchin, kugelrund, 
hängt aus dem Fenster ihren losen Mund, 

und des Hausierers böser Brut 
stockt einen Augenblick Zerstörungswut. 

Im Torweg hockt der Lumpenmann 
und brennt sich schnell ein Pfeifchen an. 

Der Tote aber auf dem Rücken liegt, 
von Stroh und Spänen bös bekriegt. 

Und jeder sieht und fühlt mit Graun, 
wenn spitze Knochen an die Sargwand haun. 

Kein Sarg ist richtig abgepaßt, 
manch einer kaum die Beine faßt. 

Und jeder Träger schiebt ein andres Schulterstück 
der Bahre hin und schwankt verrückt. 

"Vom Rattenbaum, dem Kreuzwegfluch, 
kommt Wind und zerrt am Leichentuch, 

daß dieses Kastens schwarze Gicht, 
gespenstisch aufpfeift in dem grellen Licht. 


96 



Man sieht die Nägel in dem Brettgeviert, 
das Kruzifix und fühlt: der Tote friert; 


weiß, daß er nicht ein Hemd anbat 
und daß er krumm und knochenglatt 

dem Herrgott seine Sünden beichten muß, 
wenn die Posaune dröhnt den großen Schluß. 

Der Totenzug passiert ein Wiesenstück, 
wo sich ein Kloster wiegt in Gold und Glück. 

Ach, dieses Toten Sense fuhr 
* ** 
auch einmal dort die Ahrenspur. 

Schnitt Gerste fm August und Korn 
und schlief des Mittags unterm Hagedorn. 

Sprach abends mit den Gräsern, mit dem Wind, 
sprach leise wie zu einem Kind, 

und trug vom schwarz verbrannten Feld 
ein wenig Asche heim wie gutes Geld, 

um dieser Schollen kargen Schatz 
zu fühlen in dem Hosenlatz, 

wenn nachts um eines Feuers Ring 
des Plauderns Märchensegler ging. 

Ja dort, wo drei Zypressen stehn, 

ist schon der Acker, kaum vorm Buchs zu sehn. 

Der Küster hackt die £rde auf 
und scharrt den Ackersand zuhauf. 




Weil seine Schwäher ihn nicht zeitig rief, 
geht ihm die ganze Arbeit schief. 

Sein Blut kocht wie im Säuferwahn, 
sieht er den Leichenzug von weitem nahn. 

Verflucht den Toten dutzendmal, 
der ihm den schönen Traum wegstahl, 

flucht, weil ihm Schweiß vom Stirnbein kocht, 
und spuckt zuletzt ins Grubenloch. 

Nun knirscht schon Schuhwerk vor dem Tor; 
da schnellt der Totengräber vor 

und reißt die erznen Gitter weit — 

die Kreuze stehn wie Brüder zum Empfang bereit. 

Grau ist der Himmel, und Orkan erbraust, 
wenn Sarg dann in die Grube saust, 

mit hänfnen Stricken rings umschnürt, 
von Totengräbers Hand geführt. 

Und niemand weint hier wilden Schmerz 
um ein gebrochnes liebes Herz. 

Mit ungeheuer schwarzen Flammen 

stürzt über Sarg und Saat der Raum zusammen. 


98 




INHALT 


DIE WOGENDE SAAT 

OSTERN 7 

DIE LANDSTRASSEN 10 

DIE ROGGENMIETEN 13 

GEWITTER 16 

DIE SCHATTEN 17 

DIE BÄUERIN 18 

DER GESANG DES WASSERS 20 

DIE STATTLICHE MAGD 23 

DER SPIELMANN 25 


TITYR UND MOELIBE 27 


LÄNDLICHE GESPRÄCHE 

1 33 

II 39 

III 43 

IV 47 

Y. »3 

VI 58 

VII 63 

DORFGESCHICHTEN 

DER UNENDLICHE ZECHER 71 

DIE KÖNIGSKINDER 76 

DIE ABGEBLITZTEN FREIER 77 

GEHT FORT VON HIER 79 

DIE ENTFLAMMTE MAGD SINGT 81 

DER PANTOFFELMACHER 82 

DAS GOLD ••«*«*■■ ••••*••• 84 





JUNGE MÄGDE 86 

DIE WIESE 88 

TANZ DER GREISE UND GREISINNEN 90 

DER FUHRMANN 94 

DER ZUG DER TOTEN 96 

i 




Gedruckt in der Offizin 
W. Drugulin Leipzig 



<"page 7"> 


Emile Verhaeren 
Die wogende Saat 
Deutsche Nachdichtung 
von 

Paul Zech 

Im Insel-Verlag zu Leipzig 
1917 

<"page 11"> 

OSTERN 

Frfre Jacques, frSre Jacques, 

Dormez-vous? 

Chanson populaire. 

Bruder Jakob, Bruder Jakob 
fahr aus deinem tiefen Wintertraum: 
an den Sträuchern funkelt grüner Flaum, 
golden flutet Osterahnen durch den Raum, 

Bruder Jakob. 

An den Hecken, am Gebüsch vorbei, 

wo dein herbst-betäubtes Haupt entschlief, 

machte Wind den blinden Nebel frei, 

der durch unbegrenzte Straßen lief, 

über Felder schwamm und Urwald-Fremden. 

Und die Eichen, in den schwarzen Büßerhemden, 
die ein Brausen tief zur Erde bog, 
ließen sich das krause Haar zerpflücken, 
das wie dumpfer Fall von Kupferstücken 
auf die Zipfel deines Lagers flog. 

Bruder Jakob, 

wochenlang ist weicher Schnee gefallen 
über deine Schenkel, deine Hand 
und hat breite Risse eingebrannt. 

Silbern glänzen Reif korallen 

in den Strähnen deines wilden Barts, 

in den Falten deiner Kutte aus Gestrüpp und Harz. 

Frost hat deine Säfte eingefroren, 

und die Wangenröte ging im Sturm verloren, 

deine Stirn ist brüchiger Basalt. 

<"page 12"> 

Wie ein Toter im Gewölbezwinger, 

iiast du deine Knie hochgezogen und die Finger 

in den Busen eingekrallt. 

Bruder Jakob, 

sieh, zwei Primeln und drei Anemonen 
hoben aus dem Reif die gelb und roten Kronen. 

Auf dem Kirschbaum, der dein Lager überbaut, 
mit geschweifter Gimme und geschwungnen Zweigen, 
ist nach langem abgeschiedenem Schweigen 
wieder eine göttliche Amsel laut. 

Ach, du willst noch immer nicht erwachen 



aus dem Ekel dieser flachen 
und vermorschten Maskerade. 

Spürst du nicht, daß Bienen deine Schnarchgeräusche 
überstimmen, 

und zwei weiße Schmetterlinge auf und nieder schwimmen, 
wo dein Bart verdunkelt geht wie Brombeerpfade? 

Ja im Traum, den Morgenröte überfuhr, 
spürst du schon die frohe Glockenspur, 
die nach Rom sich rüstig drängt. 

Und die Türme feiern bis zum dritten Tag, 

und wenn du erwachst, geht kaum noch Uhrenschlag, 

Feld hat dunstig-grauer Gram verhängt. 

0, dann schüttelst du aus deinem Manteltuch, 
das die Dornen säumen, wild den bösen Winterfluch, 

Bruder Jakob, und läßt deine Arme toben 

wie Fanfaren und wie Glocken durch die Welt, 

bis die Wiesen und das Birkenzelt 

kaum die Waller fassen, die sich eilen Gott zu loben. 

8 

<"page 13"> 

In den Gärten überall 

tönen Kuckucksrufe als ein Widerhall, 

und Insekten spinnen Silbernetze durch die Weiten. 

Saft schießt in die Stämme wild, 
und Johannisbeere schwillt, 
deine Schritte in das Dorf zu leiten. 

Braune Knechte folgen dir den Hohlweg lang, 
und das Windgewitter kommt in Überschwang, 
wo dein Hauch die Knospenlippen einer Rose streift 
und die schwachen Kolben junger Ähren steift. 

Bruder Jakob, Bruder Jakob, 

Herz der Erde, zart und überall, 

Drosselschlag und Orgelschwall, 

Bruder Jakob, Bruder Jakob, 
o du glockengewaltiger Osterhall! 

<"page 14"> 

DIE LANDSTRASSEN 

Wie Nägel heften große Pflastersteine 

die Straßen auf die Erde lest, 

die Straßen, die von Ost und West 

dies Land der Saaten und der Koniferen 

wie Strahlen einer Riesensonne queren. 

Die älteste von ihnen sah das Götterheer, 
das weit von Rom kam und vom Meer: 
sich in die Gärten der Barbaren zu ergießen. 

Die zweite hat den Schrill der Fee erfahren, 

die durch die Wiesen glitt, Mondsilber in den Haaren 

und Sterne auf des blauen Mantels Schulterschließen. 

Und eine ist, die immer dorthin schwebt, 
wo Jesus Christus steinern auf die Felder schaut 
und eine Jungfrau, mauerhart umbaut, 



ihr ewiges Muttergottesdasein lebt. 

Doch diese hier sah Rauch und rote Fahnen wehn 
und hat den Krieg gesehn. 

Wenn Winter alle Weiten weiß ummauert 
und Leben sich um die Kamine kauert, 
knirschen die Straßen mit den Zähnen laut 
in das Gewölk, das alle Dinge übergraut. 

Erst wenn die Knospentage wieder flammen, 
kehrn sie ins Land zurück, aus dem sie stammen, 
umfassen und umarmen alles, was sich regt: 
den Sämann und das Pferd, das Pflug und Wägen fort- 
bewegt; 

die Knaben, die, um Nester aufzustören, 
durch die Gebüsche wehn, 

und Mädchen, die ergriffen auf den Hügeln stehn, 
die hellen Triller einer Lerche anzuhören. 

10 

<"page 15"> 

Die Straßen brechen auf, wenn Frührot brennt, 
und wandern unter Bäumen, die vom Tau erwachen, 
vorbei an Fluß und Weiden in das Dorf, wo helles Lachen 
aus goldnen Fenstern tönt. Und kein Ermüden kennt 
der Zug der Straßen. Rüstig schreiten sie an Zäunen 
schief 

und Mauern krumm vorüber. Bäumen sich und stürzen 
tief, 

wie Bach und Berge brüsk gebieten. 

Und manchmal bleiben sie wie festgeschlossen stehn, 
wenn Kleefeld duftet, oder von den Roggenmieten 
die herben Brotgerüche wehn. 

Der Mittag sieht sie einsam gehn, nur über ihre Rücken 
fegt 

der Schatten von den großen Wolkenwagen. 

Und dann sieht man sie Lücken in die Felder schlagen, 
wo sich der Tausendarm der Arbeit regt. 

Die eine biegt nach rechts und muß sich wieder links 
hinwinden 

zu einem Bauern, der Kartoffeln häuft, 
zu einem Hund, der hinter Schafen läuft. 

Die andere äugt durch Dornen jenes Haus zu finden, 
woBesenbinder keucht und keuchenmuß, um zuverdienen. 
Der höchsten aber und der breitesten von ihnen 
sind auf dem Rücken schwere Lasten aufgeschnallt; 
und wenn die riesigen Gespanne und der Wagen Wucht 
hindonnern in das Purpurblau der Abendbucht, 

.meint man ein Dorf zu sehen, 

das mit roter Dächer rauchendem Verwehen 

breit in das silberne Meer der Sterne wallt. 

"Vom Sonnenaufbruch bis zum Sternenflug 
ist dieser Straßen schmaler Zug und breiter Zug 
in das vielfältige Gewühl der Sommerlandschaft eingestellt. 
11 



<"page 16"> 


Und viele sind versammelt in den Grenzen dieser kleinen 
Welt, 

denen die Nachbarschaft der Straßen eine Mitte ist, 
die tausend Dinge anhört und vergißt. 

Und jedes Schreiten tönt den Straßen zu wie Schlagen 
einer Uhr; 

sie wissen, wer es tönt, und wissen aller Töne Spur. 

Sie fahren alle Toten auf das Feld hinaus 
und jagen mit den Kindern in die Schule, 
begleiten fromme Frauen in das Gotteshaus 
und wissen, wo ein Knecht sich trifft mit seiner Buhle. 

Sie kennen jeden Mörder, der in die Gebüsche flieht, 
sie wissen, was in jedem Haus geschieht, 
und müssen Erntetanz und Stöhnen aus den Fieberbetten 
mit gleicher Lust von Ebene zu Ebene ketten. 

<"page 1 7"> 

DIE ROGGENMIETEN 

Wie Zelte, für das Brotkorn aufgestellt, 

versammeln sich die brüderlichen Mieten 

auf dem verschneiten uferlosen Feld: 

dem wuchtigen Wind die breite Stirn zu bieten. 

Die Mäher aus den Dörfern bauten sie 

mit ihren muskelbraunen Ellenbogen 

und dem Gewicht der stählernen Knie, 

als noch die Schwalben blaue Schleifen zogen. 

Die Ähren sind die Mitte in dem Bau. 

Das Stroh jedoch ist wie ein Wall von Speeren 
nach außen hingedrängt und steift sich, rauh 
und rücksichtslos, Einbrecher abzuwehren. 

Die Roggenmieten stemmen diesen Wall 
den Salven, die November knallt, entgegen; 
sie sind geschützt vor weißer Fröste Überfall 
und vor den Pranken der Gewitterregen. 

Sie reifen in dem Jahr der Festungswut 

die eingeschloßnen Kräfte aus den Erntetagen. 

Dem Korn, das wie ein Herz in ihrem Innern ruht, 
hat keinmal aufgehört der Keime Puls zu schlagen. 
Schrofi abgegrenzt vom Dorf, wo man den Göpel hört 
und wo man Gerste drischt auf harten Tennen 
und abends fahle Lampensterne brennen, 
sind sie der Ort für sich, den keine Lärmlawine stört. 

Sie sind des Schweigens Zuflucht und Verlies 
und müssen zwielichtschwanger Nacht an Nacht hinaus- 
gebären. 

13 

<"page 18"> 

Streut dann der Mond aufs Feld den Silberkies 
und kommen Sterne her auf Wblkenfähren: 
beginnen sich die Roggenmieten aufzurichten 



und wachsen, über des geduckten Dorfes Dächer, 
hoch in den Äther wie ein Wald von Turmgewichten, 
und ihre Schatten wandern weit hinaus wie Bäche. 

Doch wenn kein Frost mehr Äcker überklirrt 
und Knospengrün durch braunes Dickicht schwirrt, 
erglänzt der Roggenmieten feuchte Front 
wie von dem Lenzlicht durch und durch gesonnt. 

Der Brisen Flügel bringen lauen Süd 
von Ebenen, wo roter Pfirsich blüht. 

Die Lerche knüpft ein Glockenseil, wo Gottes Kuppel 
blaut, 

und gleitet läutend abwärts und wird unten luut, 
bis sich die moosverstopften Fenster wieder weiten . . . 

0 diese Stunde, wo die Roggenmieten sich bereiten, 
das Jungvolk zu empfangen, dem am Feuerring 
ein Zucken durch den Reif der Hände ging; 
o diese Stunden, wo sie jenen Süßdurchzuckten, 
die sich wie Tiere hinter Gillerstäben duckten, 
die Schatten werfen, die um ihres Blutes Gewalt 
sich schützend scharen wie ein Birkenwald. 

Und langsam tauchen schon die Paare aus der Bucht 
des Dorfes, suchen Wege hinter Hecken, 
um schnell die heißen Köpfe zu verstecken, 
wenn plötzlich Kühle kommt aus einer Schattenschlucht. 

Sie sind schon eins, bevor das schwarze Tor 
der Roggenmieten aufspringt zu empfangen. 

Durch ihre Seelen ist der große Stern gegangen, 
den sich die Wallfahrt der drei Weisen auserkor. 

14 

<"page 19"> 

Und wenn der Stern die Kuppel einer Miete überweht, 
erbrausen ihre Busen, ihre Arme stürzen 
tief zu verschwistern, wie zwei Knoten, die sich schürzen, 
und wie ein Seil, das Seiler aus zwei Strähnen dreht. 

Und ihre Küsse rieseln das befreite Blut 
den Hals hinunter, bis die Lenden flammen. 

Und dann bricht das Entflammte ganz zusammen; 
ist Finsternis und abgeblitzter Biß und Wut. 

Hoch über das beruhigte Gewitter fährt 

der Schattenpurpur von den Roggenmieten 

und kühlt verwühlte Betten, wo sich zwei errieten, 

und schwingt den Mond, der ihren Heimgang glück verklär t. 

Des Morgens aber kommen aus dem Dorf schon Wagen, 

den Roggenmieten Schicksalsstunde dumpf zu schlagen. 

Dann werden Stroh und Körner aufgepackt, 

auf daß in Scheunen wieder aufdröhnt Dreschertakt. 

Die Roggenmieten stürzen wie Gebäude ein, 

und Wind macht ihre Trümmer mit dem Feld gemein, 

wo aus dem Dünger neue Halme schießen. 

Sie wuchten nur im Spiegel bleicher Mädchen noch, 
die, wenn der Juli Früchte an Spalieren kocht, 
sich fruchtbar in die Kinderewigkeit ergießen. 

15 



<"page 20"> 


GEWITTER 

Ich sah dich, goldne Früchte pflückend, hin und her 
bewegen 

im Apfelbaum, der lange Zweige leise niederbog; 
als plötzlich mit Lawinenwucht ein Sturm anflog, 
um die belaubte Stirn des Gartens blank zu fegen. 

Flink wie ein scheues Wiesel fuhrst du über die Leiter- 
sprossen 

und hast dich an des Schuppens Mauer hingeduckt, 
wo auf das Dach, Ton bösen Blitzen weiß umzuckt, 
gewaltig aufschlug der Alarm der Hagelschloßen. 

Und als es oben wieder aufsprang, Rosen zu entfalten, 
kamst du wie eine Wolke durch das feuchte Gras geweht, 
um mir den schönsten Apfel, den der Baum besaß, 
wie eine junge Sonne strahlend hinzuhalten. 

16 

<"page 21"> 

DIE SCHATTEN 
Sonne, 

deiner Strahlen leuchtendes Gewitter 
sprengt der Bäume überreiftes Gitter. 

Die vom Blitz befreiten Schaltenseelen 

folgen dir durch Gärten, durch Alleen 

stumm wie Schafe, die den Schäfer nie verfehlen. 

"Wenn die ersten Morgenrosen flammen, 
scharen sich die Schatten auf dem Feld zusammen, 
hüpfen über Beete, schlüpfen durch die Hecken, 
breiten über Dächer samtne Decken, 
müssen von den Giebeln breit wie Fahnen wehn. 

Wenn die Glocken laut zur Messe rufen, 
flüchten sie in die Kapellen, 
knien nieder auf den Treppenstufen, 
um des Mittags sich in schnellen 
Wirbeln um der Stämme Karussell zu drehn. 

Ruhn ermattet dann am \Viesenrain, 

bis die Schnitter das gebräunte Feld beleben. 

Wenn die großen Abenduhren schweben, 

wandern sie zu zwein und drein 

über Hügel und Getreideauen 

in die Gräben, wo sich Nebel stauen, 

wo schon blauer Rauch und Abend schwält 

und ein Fuhrwerk sich durch schmalen Hohlweg quält. 

Kehren furchtsam um, 

horchen stumm herum, 

wie aus Blumen rote Träne quillt 

und die Beere wachsend schwillt. 

Sammeln sich, wo breite Tore wieder springen, 
wo die Sterne Silberfackeln schwingen . . . 

Dann ist Nacht, die ihr Verwehen überlaubt 

und mit dem zerpflückten Kelch des Mohns bestaubt. 



17 


<"page 22"> 

DIE BÄUERIN 

Klein ist ihr Kreis, den Mauern schroff verbaun 
und Wiesen säumen, wo Salbei und Nesseln wuchern. 

Ihr Dasein, böse angesprungen von Versuchern, 
heißt Weib und weitet sich im Gottvertraun. 

Geiz und verkniffne List, Betrug und Haß, 
herrischer Stolz und blindes Eifern können nimmer 
das Eisen ihrer Ruhe schmelzen und den Schimmer 
der Augen hinzerrn in verstörtes Naß. 

Ein Wort nur, das ihr klarer Mund verliert, 
beruhigt den, der hitzig in die Höh will fahren; 
und klein verlassen die, die nie zu zähmen waren, 
den Raum, den breites Schweigen überfriert. 

Ihr Tag entquillt dem Tau und endet sternenklar. 

Sie weiß sich in das Schicksal aller zu versenken 
und ladet zu des Hauses gastlichen Geschenken 
den Ersten wie den Letzten aus der Knechteschar. 

Ihr Blondhaar, mit der graden Scheitelbahn, 
zeigt einen kräftig braunen Hals beim Bücken. 

Die Schatten ihrer Spur auf übersonnten Hügelrücken 
sind wie ein Wellentanz um einen großen Kahn. 

Ihr Gang ist so bewußt und ruhig eingestellt, 
wie wenn tief unter ihr das Herz der Erde schlüge. 

Sie lobt des herben Windes lange Atemzüge 
und liebt das rauhe und verschloßne Feld. 

18 

<"page 23"> 

Schleppt Säcke Korn, die viel zu schwer sind für ein Weib, 
und häuft in ihrer Bodenkammer das Getreide; 
und ehe sie ein Brot zerteilt mit scharfer Schneide, 
malt ihre Hand drei Kreuze auf den Laib. 

Den Schwätzern, die des Abends vor den Türen stehn 
und Pfeife rauchen und die Nachbarn bös beflecken 
mit flinken Zungen, bleibt das Maulwerk plötzlich stecken, 
wenn sie vorüberrauscht wie ein Gewitterwehn. 

Doch dieses Herrische an ihr ist eitel Kraft. 

Die alten Bettler, die vergeblich klopften 

an all die andern Türen, schickt sie mit gestopften 

Brotsäcken auf die arme Wanderschaft. 

Und ein verrückter Vagabund, von dem man spricht, 
daß er um Dinge weiß, die Fernes offenbaren, 
verhieß ihr ein Begräbnis, wie es Fürsten kaum erfahren, 
wenn sie sich strecken wird mit rissigem Gesicht. 

19 

<"page 24"> 

DER GESANG DES WASSERS 
0 hörst du nicht, o hörst du nicht, 



wie Welle aus den Steinen bricht? 

Muß fließen und sich breit ergießen, 
muß jedem Strauch, der dunkel drängt 
und ihre Spuren schmal beengt, 
die blaue Liederbrust erschließen. 

Dort unten tief, 

der kleine Wald von Vogelbeeren, 

wo einst auf einem Teppich aus Smaragd 

sich Melusine drehte nach dem Takt 

der himmlischen Klaviere, 

der kleine Wald von Vogelbeeren 

und alle seine sanften Tiere: 

der Hamster und der braune Specht, 

der Dtis, Igel, Kuckucksknecht, 

erfahren schon aus braunen Weiten 

des Wassers flüsterndes Herübergleiten. 

Der Morgenröte Hauchen 

bläht sich vergeblich graue Segel auf. 

Der Bach verändert nie den Lauf 

von Stein zu Stein, wie auch die Nebel fauchen. 

Und wenn er manchmal lange Klagelieder singt 
und stürzend nicht mehr Schluchten überspringt, 
sich wie ein lahmer Schwimmer muß vorüberdrehn, 
um beinah in ein Niegenanntsein zu zergehn: 
hat ihn nicht Juli böse angefaßt? 

Der Juli, der Gesang des Wassers haßt? . .. 

Kommt aber blonde Gänsemagd gesprungen, 
im Bach der Glieder junge Heiterkeit 
zu dehnen, schäumt das Wasser wie befreit 
und atmet mit vertieften Lungen. 

20 

<"page 25"> 

0, wie der Bach sich zitternd da bereitet 
und weißes Mädchenfell umschmiegt! 

0 grünes Pfühl, das Windgeflüster auf und nieder wiegt 
und mit dem Samt der Atherbläue überspreitet! 

0 über braunen Nacken hin der Kupferfall 
von offnen Haaren, die, bis zu den Brüsten prall, 
sich wälzen wie ein göttliches Geschmeide! 

Das Wasser, das sich um zwei Hüften bauscht, 
wird Spitzenrausch und lila Seide, 
und Uferranft und goldnes All 
sind wie vertauscht. 

Das wilde Mädchen mit dem roten Haar 

ist auf den Kieseln flink und zeigt im Schreiten 

Verhaltenes aufgeglänzt und klar. 

Reckt ihre Arme blühend in die Weiten 

und bückt sich, wo der Duft der Minze schwebt 

und die Libelle funkelnd über Wasserrosen bebt. 

Und wenn die Schöne dann an Steinen rückt, 
ist durch die reißenden Wasserschnellen 
die Flucht der furchtsamen Forellen 
wie ein gewalt'ger Blitz gezückt. 



Mit Purpurblumen in den Lippenecken 

wagt sich das Mädchen blank der Sonne hinzustrecken 

und lacht, wenn über ihre runden Knöchel 

die Wellen hin- und herwärts gehn. 

Und yon zwei rosigen Vögeln, die vorüberwehn, 
hinschwebend zu Gestirn- und Wblkenmut, 
läuft ihr ein süßer Schatten durch das Blut. 

Sie kommt die heißen Sommerwochen lang, 
verschwistert Flußgesang mit Hüftenüberschwang, 

21 

<"page 26"> 

Erst wenn September durch die Waldung braust 

und bernsteinbraunes Laub zerzaust, 

hört ihres Gürtels Schließe auf zu springen. 

Einäugige Wolken ziehn dann auf, 

die wild wie Krieger sind und schwarze Fahnen schwinge 

Und schwere Regengüsse pfeifen 

hinstürzend durch den Wasserlauf, 

bis Nebel aus dem welken Schilfgehege 

quer über Uferwälle steigen und durch feuchte Wege 

wie Hunde witternd streifen. 

Und froh empfängt der Bach die Tropfensaat, 

denn alle Blätter, die gespenstisch fielen, 

halten ihn nicht zurück mehr von den schönen Zielen. 

Das Wasser bäumt sich rasend vor dem Grat, 

zackt sich durch Büsche, überflutet Wiesen, 

bricht breit durch Steine, wo einst Muscheln bliesen, 

und wird auf Kieseln sanfter Mondgesang. 

Vielleicht geschieht auch, daß in Sternenstunden 
Frau Melusine wieder ungebunden 
nach jenem Takt, den Windviola regt, 
hintanzend ihre goldnen Knie bewegt. 

<"page 27"> 

DIE STATTLICHE MAGD 

Weit in die Ährenau, die schweres Gold hinüberreift, 
um braunes Brot zu werden, das man ißt, folg ich den 
Spuren 

von deinen Füßen; muß mit Augen, die schon viel er- 
fuhren, 

bewundern, welche Kraft dich fortbewegt und deinen 
Nacken steift. 

Die Arbeit macht, daß deine Schultern sich noch straffer 
richten. 

Mit ihren langen Armen mähn die Burschen Weizen, 
Schuß auf Schuß. 

Doch deiner Arme Schwung ist so wie Feuersbrunst 
und muß 

die Ähren binden und die Garben hoch in Mandeln 
schichten. 

Anbetend kniest du hin und dankst der Fron, dem 
Schweiß, dem Wind, 



dankst allen Dingen, die beweglich in die Sonne blitzen; 
und deine Augen zucken nicht, wenn staubige Schauer 
spritzen 

von Wagen her, die auf den dürren Stoppeln eilig sind. 
Gesundes Blut pulst laut durch die Kanäle deiner Adern 
und rundet deine weißen Brüste, bis sie hart stelm wie 
Granit. 

Dein Haar blüht rot, und deine Lippen sind ein Rosen- 
lied, 

und nie wird dein Gefühl mit Härten dieser Erde 
hadern. 

23 

<"page 28"> 

Du bist das erste Lerchenwunder auf dem blanken Feld 
und wirst des Abends mit den Schnittern laut im 
Heimmarschieren. 

Das flandrisch Trotzige wird deine Stirne nie verlieren 
und deine Augen nie den Blick, der Sanftmut zu dem 
Trotz gesellt. 

Die Burschen auf den Poldern und in Dörfern an den 
Flüssen 

sind von dem Üppigreifen deiner zwanzig Jahre so 
entflammt, 

daß sie in ihren Träumen, unter der Sterne Silbersamt, 
dich als die Frau, die sie einst nehmen werden, küssen. 
Weissagung geht: daß du auf einem Gut gebieten wirst, 
das mit schneeweißen Giebeln aufragt aus den Saat- 
gebreiten. 

Das Instvolk wird dir folgsam sein in harten Erntezeiten, 
und goldner Lohn der Arbeit wird sich wölben bis 
zum First. 

Dein Schoß wird fruchtbar gehn und wie in schönen 
Jahren 

der Vorzeit muskelstarke Kinder zahlreich in die Welt 
hinausgebären, die, als Stolz in deinen Tag gestellt, 
dich stützen, wenn du alterst, und gebrochen deinen 
Sarg umscharen. 

24 

<"page 29"> 

DER SPIELMANN 

Schwüler Juliabend dämmert dunstig auf dem Feld. 

Unter einer Weide schattigen Gebreiten 
hat sich fremder Spielmann aufgestellt 
und fährt traumhaft dunkel über die Saiten. 

Spielt für sich allein und hört im Spielzergehn 

kaum die Schritte, die das Abendwehn 

aus den Hütten lockt, sich auszudehnen, 

wo die Geige singt und Schatten schwillt; 

sieht nicht, daß sich Mädchenstirnen, Schild an Schild 

an die überglühten Stämme lehnen. 

Gang und Glanz der Jahreszeiten kamen oft 



seinem Instrument schon nah. Doch unverhofft 
regt sich ihm nun Schicksal dieser Bauern, 
ihre schwebenden Gebräuche, ihr Gefühl, 

Aberglauben, gläubiges Gewühl 

in den Saiten, wie ein lenzliches Erschauern. 

Früher sang er von dem Gelsenflug 

durch die Morgenrosen, 

von dem Flüstern, das sich in den uferlosen 

Buchenwipfeln überschlug; 

von dem Wind, der an die Fenster klopft, 

wo sich Schläfer noch im Pfühl verstopft; 

sang vom Holzknecht, der die Axt schon schnellt, 

ehe noch das Sanktus durch die Gassen schellt; 

von den Halmen, die sich aus dem Nebel recken, 

von dem Bauer, der ins harte Tongewicht 

keuchend seine Pflugschar bricht; 

von dem Gärtner unter den Rosenhecken, 

und der Witwe, die sich auf den Knien plackt 

und den harten Hanf behackt . . . 

Diesem allen war sein Loben lange nah. 

25 

<"page 30"> 

Aber jetzt stehn andere Töne da, 

und es bebt in ihnen ungeheuer 

jenes Flimmern, das ein Mittagsfeuer 

über die Ebenen gießt, 

wenn der Wald sich streng verschließt 

und der Herden Hin- und Herwärtsrücken 

wie ein Feld erscheint, 

das gebirgig und versteint 

in den Horizont hinüberschlägt gewölbte Brücken. 
Einen Rhythmus hämmert der Gesang, 
wie wenn Pferde, vierelang, 
über hartes Pflaster rasen. 

Ahmt das pfeifende Geräusch der Sense nach, 
Wachtelruf, der in den Klee einbrach, 
und der Grillen langgezognes Blasen. 

Weiß den Knecht zu zeichnen, der den Rücken streckt 
und die Augen schützend mit der Hand verdeckt, 
ist gewunden wie ein Pfad, der kommt und geht 
und sich vielfach um die Weiler dreht. 

Wie ein Blättersäuseln schwirrt der Töne Bann, 
lockt die Rehe her, die sich wie Kinder fassen, 
nicht mehr wissen, daß noch Menschen sind, die hasse 
schauen nur den Spielmann wie ein Wunder an. 

Lied hat aufgehört. Der hingehängte Bogen 
gleitet lautlos über Saiten, die das Mondlicht spannt. 
Alle Sterne sind schon aufgezogen, 
und der weiße Engel wallt durchs Land. 

Grenzenlose Stille ist so hingeweitet, 
daß man hören müßte, wenn ein Wandrer 
jenseits dieser Erde schreitet . . . 

Wie er kam, von niemandem gerufen, 



schwindet auch der Spielmann über zauberische Stufen 
in ein wesenloses Tal. 

26 

<"page 31"> 

TITYR UND MOELIBE 
Mit Flöten in gebräunter Hand 
durchirrten rauhes Ackerland 
Tityr und Moelibe. 

Sie sahn der Vögel Südlandflug, 
sahn Laub, das auf den Rasen schlug, 
sahn Nebel herwehn von der See. 

Der welke Sommer überfror 
mit Hagel und Gewitterchor 
die Bläue ihrer Kehlen. 

Ein Räuspern scholl: „Wie kann man hier 
von Ernte, Frucht und Blumenzier 
lobsingen, wenn uns Fröste quälen? 

Wenn Regen durch Gebüsche klirrt, 
wie soll man denen, die verwirrt 
an uns vorüber müssen, 
und die sich in den Hüften drehn, 
umsehn und lächelnd weiterwehn, 
die Nackengrübchen küssen? 

An feuchter Giebel Bröckelschild 
reift Traube nie, die platzend schwillt. 

Und war dort auf den Wiesen, 
wo Maulwurf böse Höhlen baut, 
schon jemals schönes Echo laut 
von Liedern, die Sizilier bliesen? 

Die Bauern hier sind stumm wie Stein 
und wissen nicht, daß roter Wein 
27 

<"page 32"> 

an Flaschen klopft zu schäumen. 

Sie sitzen grau gemein am Herd, 
wo Flamme Scheit um Scheit verzehrt, 
und rauchen Stube schwarz und träumen. 

Zypresse und Olive baun 

kein Schattendach dem Wiesenzaun. 

Die Kettenhunde bellen 
schon durch den dornigen Hohlweg lang; 
bevor noch Mond und \Vächtergang 
die großen Uhren in das Dunkel stellen. 

Die Bauern sind nicht alt, nicht jung, 

sie lieben ohne Haß und Schwung 

und wissen nur mit Schwarzbrot zu bewirten. 

Ach, keiner dieser Trägen spricht 
von Alexander, kennt auch nicht 
Gallus, den schönen Hirten. 

Durch ihre Augen, klein und klar, 
ist nie die große Götterschar 



und goldnes Rom gegangen. 

In ihres Landes Hauptstadt stampft 
der Train, und aus Fabriken dampft 
Gewölk und hat die Bläue aufgefangen." 

Mit Flöten in gebräunter Hand 
durchirrten rauhes Ackerland 
Tityr und Moelibe. 

Doch einmal luden sie zu dritt 
den Schäfer, der noch rüstig schritt 
in Haaren weiß wie Schnee. 

Der sprach: „Die Bauern hier sind eingestimmt 
in jedes Tier, das fliegt, und Fisch, der schwimmt. 

28 

<"page 33"> 

Sie lieben ihren Grund und lieben seine Härten. 

Sie halten still, wenn dunkles Schicksal schlägt, 
und stützen die, die keuchend Kinder trägt, 
und kommen kaum aus dem Idyll der Gärten. 

Die Muskeln ihrer braunen Arme überhellt 
nur dann ein Jauchzen, wenn im Roggenfeld 
die Ähren hundertfältig sich der Sense biegen. 

Ihr Willen ist als ein stählerner Strich 
quer über die Stirn gelegt und läßt sich nicht 
von wechselnden Geschicken unterkriegen. 

Und wenn sie eifersüchtig wo im Dunkeln stehn 
und plötzlich wie ein Schober hoch in Flammen gehn, 
sind sie wie ein Triumphzug, kindhaft ausgelassen. 

Das Gold, das aus dem Aufbruch ihrer Schwielen kam, 
und das sie hüten, wie der Frauen fromme Scham, 
rollt nicht zurück in Höhlen, wo Verschwender prassen. 
Ihr, unter dem azurnen Horizont, wo ewig Sommer blüht, 
wißt nicht, was Abend ist, den Feuer übersprüht, 
wenn die Legenden aufgehn und verschollne Sagen, 
wenn der November um die Giebel pfeift 
und blaue Blitzhand nach dem Schornstein greift, 
wenn Hagelfäuste an die Fenster schlagen. 

In unsern Hütten, schief und schilfgedeckt, 

und in der Wohner Herzen liegt Geheimnisvolleres 

versteckt 

als in den Tälern, die euch zugehören; 
wo Lycoris an waldigen Ufern Harfe rührt 
und euch mit ausgewitztem Lied verführt, 
wo Pan sich giftig bläht, verliebtes Volk zu stören. 

29 

<"page 34"> 

Die Stadt mit der Fabriken Wucht und rasender Züge 
Flucht, 

mit feurigen Revolten, Unzucht und Verbrecherschlucht, 
hat auch in unsere Dörfer Lücken geschlagen. 

Doch heute sind wir auf den Märkten guter Gast, 
und oft geschieht es, daß der Weg dorthin kaum faßt 



den langen Einzug der Gemüsewagen. 

Die Bauern hier sind ohne Falsch und Arg, 

und was die harte Scholle barg, 

ward ihnen nicht wie Schlaf gegeben; 

sie wissen wohl, daß euch ein schönerer Himmel blaut 

und Lorbeerhain geruhesame Lauben baut. 

Doch ihr gespanntes, erdgebundenes Leben 

ist langer Ahnenreihe angestammt 

und wie ein Pfahl in diese Ebene eingerammt." 

30 

<"page 35"> 

LÄNDLICHE GESPRÄCHE 
<"page 3 7"> 

Johann: 

Jetzt darf ich dir gestehn, 

daß ich in weißer Sommerglut, 

als ich mit meinen Pferden durch die goldne Flut 

der Felder schwamm, um Gerste abzumähen, 

auf der Maschine wie ein Sieger stand: 

denn ich erriet es ganz genau, 

daß du am Fenster warst und durch des Vorhangs Blau 
mir nachsahst, unverwandt." 

Käthe: 

„Und ich, 

die ich mir vornahm, deinem Ohr 

kein einziges Gefühl mehr zu verschweigen, 

und mich auch nicht mehr fürchten will, 

wenn sich die bösen Härten auf deiner Stirne zeigen, 

ich muß dir sagen: daß die weiße Fliedertraube, 

die ich herüberwarf, als du an unserer Laube 

vorübergingst, am Sonntag, in der Schar 

häßlicher Burschen, nur für dich geworfen war." 

Johann: 

„Der Flieder - ja, den sich ein anderer fing!" 

Käthe: 

„Was liegt daran, da doch mein Herz nicht in dem 
Flieder hing." 

Johann: 

„Dein Wort braust mir wie junger Wein durchs Blut 
und schafft mir Kraft und gibt mir Mut. 

33 

<"page 38"> 

Denn immer hat mich Eifersucht gestochen, 

wenn dir des Abends, in den schönen Rosenwochen, 

ein anderer zur Seite schritt, 

der dein Gefühl mit heißen Worten überglitt." 

Käthe: 

„Du zehrst vom Gestern. Ich besinge Gegenwart! 

Und wirklich: deine Hände sind mir jetzt gegeben. 



Doch, daß sie wie ein Blutgeheimnis mich umschweben, 
will ich sie halten, wie manFeuer Tor dem Wind verwahrt. 
Und was wir wissen, gib nicht deinen Eltern preis. 

Genug, daß Busch und Bach von unserem Feuer weiß. 

Das, was uns wie ein Netz umstrickt, darf niemand lüpfen. 

Und will ein Fremder durch die Maschen schlüpfen 

uns anzugreifen, greif ihn wieder an, 

und laß Gespött erblitzen wie an Wirtshaustischen, 

wo deine Zunge flink ist und nicht aufhört schrill zu 

zischen, 

wenn schlechte Rede einem Mund entrann." 

Johann: 

„0, meine Brust wird dir jetzt Wäll und Wölbung sein. 

Je mehr sich Feinde da zusammenkoppeln, 

um ihre Witze zu verdoppeln, 

bäumt sich mein Stolz und härtet sich wie Stein. 

Ich weiß auch, was ich meinen Alten sagen darf und nicht 
am Abend, wenn man dies'und jenes bei der Lampespricht. 
Mein Hirn spürt jedes Zittern hingeregter Hände, 
und meine Augen brechen durch derStirnen Eisenwände." 
Käthe: 

„Wenn deine Augen also wehn, mußt du aus meinen lesen 
die höchste Lust, daß ich dich endlich band. 

Denn schon im Traum, der meine Nächte rot umstand, 
bist du dem Tempel meiner Hüften braunerGott gewesen. 
34 

<"page 39"> 

Und sang ein andrer leise durch mein Blut, 
gestand ich mir, daß nur der eine, den mein Herz 
bestimmt, 

weiß, daß in seinem grenzenlosen Gut 

das unsere wie eine Insel schwimmt, 

weiß, daß sein Name in den Dörfern drüben 

ein stärkres Echo ausschwingt als der meine hier, 

weiß, daß sich meine Hände langsam üben, 

ihn zu empfangen wie ein sanftes blaues Tier, 

das man in jeder wachen Stunde streicheln muß, 

weiß, daß mein Mund sich blutig sehnt nach seinem Kuß 

und doch mit keinem Laut verrät, 

daß Liebe sich im Traum schon Segel bläht." 

Johann: 

„Mich wurmt es fast, daß unsre Scholle schwerer wiegt 
als jene, welche euer Dasein nährt. 

Solange aber Blut durch meine Adern fliegt, 
will ich der sein, der deinen Tag verklärt. 

Laß Sonne hingehn über dein Gesicht 
und sticke alles Wägen, das nur kratzt und sticht; 
damit nun auf dem Stamm, den jene Alten hegen, 
die Reiser unsrer Liebe Knospen regen." 

Käthe: 

„Mein Treusein wird dich so beschwingen, 

wie Flügel, die den Vogel in die Höhe schnellen, 

wenn wir am eignen Herd uns Liebeslieder singen 



und Kinder kommen, uns noch tiefer aufzuhellen. 

Und wenn du in die Dörfer fahren wirst, um für die Mahd 

die Leute anzuwerben, brauchst du nicht "Verrat 

zu furchten, der dich zwingt zur Eile, 

wenn ich allein mit jungen Knechten in dem Hause weile. 

35 

<"page 40"> 

Denn wie ich nur ein Leben lebe, um zu lieben, 
ist auch nur dieses eine Herz dem Busen durch und 
durch getrieben." 

Johann: 

„Dein Mund, der immer näher rückt, 
und deiner Haare Knistern und der Brüste Wogen, 
zerreißen mich. Die Pulse schlagen wie verrückt, 
und Abend hat sich schon herabgebogen." 

Käthe: 

„Nicht heute, du! Das Glück lacht viel zu laut, 
um einem Wahnsinn meine Lenden hinzubiegen." 

Johann: 

„Der Busch verhüllt und Gras will uns umschmiegen 
an diesem Abend, der die Wiesen überblaut. 

Ich weiß auch, daß die Mutter meiner Schwester Keim 
empfing, 

bevor sie mit dem Vater in das Brautbett ging." 

Käthe: 

„Wer frägt danach?" 

Johann: 

„Und lange vor der feurigen Hochzeitsnacht 

war ihrer Liebe in dem Kleefeld da ein Bett gemacht. 

Ich weiß schon was ich weiß, und niemand schlägt mir 
zu die Tür." 

Käthe: 

„Man würde mich zu Hause schlagen, wenn man dies 
erführ!" 

36 

<"page 41"> 

Johann: 

„Da wir von heute ab schon unsre Hochzeitsringe tragen, 
wird es kein Mensch, und hätt er zwanzig Fäuste, wagen." 
Käthe: 

„Das Dunkel schreckt mich. Lampen wallen 
herauf, uns so wie Augen anzufallen." 

Johann: 

„Laß uns noch tiefer da in die Gesträuche brechen, 
wo uns die Lampenaugen nicht mehr stechen. 

Sieh, diese Stunde habe ich mir schon erwogen 
und wie ein Spiegel dieses aufgehängt: 

Du wirst erst zögern, wenn mein Wunsch nach innen drängt 
doch dann, wenn über uns die wilden "Wögen 
zusammenschlagen, wird dein Wahnsinn mich zerreißen 
und deine Zähne raubtierhaft das Laub zerbeißen." 



Käthe: 

„0 sprich nicht mehr. Ich fühle, wie der Wind 

mit lauen Fingern meinen Nacken streift 

und meinen Mund berührt und meine Brüste steift. 

Und ich bin schamverwirrt und furchtsam wie ein Kind 

Doch sag, was werden deine Hände mir bereiten, 

wenn ich schon heute abend mutterfroh 

aus deinen Armen hinfließ in die Zeiten?" 

Johann: 

„Ach, alles wäre anders dann und nicht mehr so 
hineingestellt in Hemmung, Eifersucht und Wut. 

Die ganze Welt wär unserem Kinde zugetan und gut. 

Es würde unsere Liebe nur noch glühender entfachen 
mit seinen spaßigen Bewegungen und seinem Lachen. 
Und glaube mir, ich habe die, die meine Zeuger waren 
in ihrer tiefsten Heimlichkeit erfahren." 

37 

<"page 42"> 

Käthe: 

„Mein Lieber — komm — ich will dir folgen ganz 
bewußt 

dort hinten, wo uns nicht die hellen Häuser mehr ver- 
scheuchen, 

auf daß ich nichts mehr höre als das Keuchen 
von deinen Atemstößen, Brust an Brust." 

38 

<"page 43"> 
n 

Anton: 

„Ziehn unsre Söhne sich nicht blonde Kinder groß, 
auf daß sie weit in Schulen aufmarschieren, 

Aufsätze in gemeine Hefte schmieren? 

Uns aber, die wir grau sind wie uraltes Moos, 
jagt man aufs Feld, die Kühe gut zu hüten 
und unsren Händen, brüchig wie gebrannter Ton, 
sind wieder Dinge nah, die, fast vergessen schon, 
der Kindheit Tage dornig überblühten." 

Wilhelm: 

„Erinnern kommt mich an, daß ich im achten Jahr 
mit der gebognen Peitsche laut war und die Schar 
der Rot- und Schwarzgefleckten von der einen 
zur andern Wiese trieb, und daß ich in der Glut 
kindlicher Feuer Nüsse briet und nie die Wut 
des Vaters reizte und der Mutter Weinen." 

Anton: 

„Der Geist der Felder tönt sich anders aus. 

Man zieht Verfall sich auf im eignen Haus. 

Und Kinder wachsen, die mit ihren bleichen 
und weichen Mienen nicht mehr Bauern sind: 
trotzig in Sommerglut und \Vinterwind 
erhoben wie ein Wald uralter Eichen. 



Und bröckelnd fällt, was man nicht gern verliert, 
wie Saatkorn, langsam durch ein Sieb passiert." 

Wilhelm: 

„Aus jener Stadt, wo Schiffe sind und Häfen 
und wo er lang Soldat war, kam 
mein Sohn zurück mit dumpf umklopften Schläfen; 
spricht neue Worte, die ich nie vernahm. 

39 

<"page 44"> 

Und immer fürchtet man, daß ihm die Zunge bricht, 
wenn er die fremden langen Sätze spricht! 

Der Ältere, der mir die Wirtschaft führt, 

ließ sich von jenem Wortschwall schon verleiten, 

der Irrtum schürt und Herzen eng umschnürt. 

Erst war ich ihm noch Stütze und Berater durch die 
Zeiten; 

doch heute steht er stumm, wie ein Gerät, 

wenn meine Hand, mich anzuhören, ihn zum Sitzen lädt. 

Er richtet sich nicht mehr nach meinen Wetteruhren 
und geht nicht mehr die alten Yäterspuren. 

Und denkt euch: das Getreide, das er kürzlich schnitt, 
den Hafer und den Weizen, 
verkaufte er, mich nur zu reizen, 

nichtmehr demBäcker, wo man immer gutenPreis erstritt, 
fuhr» in die Stadt zum Makler, der für das, 
was er da alles kauft und selbst nicht mahlt, 
die gleichen festen Preise zahlt." 

Anton: 

„Wer wird da kühl noch bleiben und nicht fluchen dürfen, 
nun jeder Furcht hat, daß sich Arme müde schürfen, 

Furcht, daß ihm Rückgrat bricht und daß sich Faust 
verstaucht; 

und daß die Jungen sich gebrechliche Maschine holen, 
die ihres Schwungrads Kräfte stiehlt aus unseren Kohlen, 
und die, wenn sie die langen Garben blindlings drischt, 
Gerste und Roggen, Hafer durcheinander mischt? 

Das ist nicht Arbeit mehr. Ist Spott, den Satan faucht. 

Gott aber weiß, warum die Ernte brennt und von den 
Türmen 

die Bronze wölken der Geläute durch den Himmel stürmen, 
wenn Wind aus der Maschinenasche Funken raubt 
und, daß sie aufgehn, in die dürren Schober staubt." 

40 

<"page 45"> 

Wilhelm: 

„All dieses Unheil, Lieber, zeugt die große Stadt, 
die alles fängt und herrisch sammelt mit dem Rad, 
das Flüsse überbrückt und schroffe Berge kürzt 
und in die klare Stille unsrer Landschaft stürzt. 

Nicht ohne erst ein heiliges Kreuz zu schlagen, 
darf man von diesen Dingen dies aussagen: 



daß sie der Städte Stolz, der Dörfer Hinbruch sind. 

0 die geschweiften Wege, wo ein Wasser rinnt 
und Tor den alten Zäunen hingelegt wie Fliesen! 

Jetzt rammt man Pfeiler in den Samt der Wiesen. 

Und Bahnhofslärm und Pfeifen, daß ein Zug eintraf, 
stört müde Weiler aus dem tiefen Schlaf. 

Obstgärten, die den Cutshof weiß umsäumen, 

sind zwiegestückt von Schienen schlackenschwarz und 

krumm, 

und kein Versteck ist in den Wäldern ringsherum, 
wo nicht schon Dämpfe von Lokomotiven schäumen. 11 
Anton: 

„Allabendlich, wenn ich am Ende der Allee 
mich auf der Bank verruhe und ins Ferne seh, 
bricht ungeheures Feuer durch die Wblkendämme 
und zeigt mir Millionen Häuser und der Türme Riesen- 
stämme. 

Dann kehr ich um und zücke dieser Stadt die Faust 
und weiß, daß es mein Fluch ist, der die Böen überbraust. 
Und immer wilder würgt mich zorniges Einbrechen: 
die falschen Augen dieser Hure auszustechen. 

Ich ruf den Blitz, daß er die Stadt wie einen Wald, 
daß er Paläste und Spelunken niederknallt. 

Ich wünsche ihr die roten Donner der Revolten, 
die schweflig über Sodom und Gomorra grollten . . . 

41 

<"page 46"> 

Ach, wär mein Haß ein Tausend! uß, und nicht so schwer 
mein Kopf und nicht so ungelenk die müden Glieder; 
denn all die armen Worte, die man hin und wieder, 
die Worte, die man spricht, sind eitel, flach und leer." 
Wilhelm: 

„Vernunft und Weisheit ziehn um uns den goldnen Kreis. 
Doch eher grünt an dürrem Holz ein junges Reis, 
eh ich gestehe, daß es schlecht ist so zu sprechen, 
wie ich vom Dasein denke und nichts andres weiß: 
was wird aus unsrer Heimat Erde, wenn mir Augen 
brechen?" 

Anton: 

„Man wird von uns gestehn: sie waren beide Bauern 
mit Stirnen hart und zähen Knochen, heißem Blut; 
und ihre Seelen flogen zur selben Zeit in Gottes Hut, 
da in die Felder einbrach Fluch der schwarzen Mauern." 

42 

<"page 47"> 

111 

Peter: 

„0 heiliger Cornelius, 
du Freund der Kühe, die am Fluß 
sich Futter suchen und die Schnauzen, blau 
und feucht und mit silbernen Haaren, 



schön spiegeln in dem klaren 
Gewässer, ich verspreche dir: daß ich genau 
zwei Tauben am Sonntag will bringen, 
zwei graue Tauben mit weißen Schwingen." 

Johann: 

„Und ich: ich werde dem Schutzpatron 
der langsamen, schweren 

Mastochsen, die das Gras der Marschen scheren, 
ich werde dem heiligen Amand 
zwei goldrote Hähne verehren." 

Peter: 

„Man wird die Hähne und das Taubenpaar 
in einen Korb aus Weidenruten pressen 
und vor der Kirche, nach den heiligen Messen, 
versteigern, was für Heilige geopfert war." 

Johann: 

„Mit ihrer Schwanzfedern Wogen, 
stehn meine Hähne wie Mohnrosen im Wind; 
die Kämme auf ihren Köpfen sind 
wie goldne Türkensäbel gebogen." 

Peter: 

„Und meine flinken Tauben erinnern mich 
an zwei Holzschuhe schön, die mein Mädchen einst trug, 
wenn durch das Haus und über den Wiesenstrich 
hintönte ihr zierlicher Trippelflug." 

43 

<"page 48"> 

Johann: 

„Meine Hähne sind im Waschhaus geboren. 

Sie kamen so klein und verloren 

wie Eier, denen Füße angeschnallt waren. 

Sie kamen an einem Apriltag, 

der weiß wie August auf den Feldern lag. 

Dann wuchsen die Flügel aus ihren Federhaaren, 
und alle Insekten am Mauerbord 
pflückten ihre windflinken Schnäbel fort." 

Peter: 

„Meine Tauben sanft und weiß 

sind im Schlag aus den Schalen geflogen. 

Ich hab sie genährt und großgezogen 
mit Grütze und spanischem Mais. 

War meine Pflugschar tief in die Schollen gestellt, 
lief ihr Schatten wie Sonne über das Feld. 

Um die Mittagszeit 

konnte man Gurren hoch auf dem Dachfirst hören. 

In den offenen Regenröhren 

putzten sie rüstig ihr Federkleid 

und wetzten die Schnäbel am Schornsteinblech 

und paarten sich wild und küßten sich frech." 

Johann: 

„Ich mußte die Hähne durch einen Zaun trennen, 
bevor ihnen der Sporn an den Füßen wuchs. 

Doch was verschlugs, 



daß ihr Krähen, vorm Aufbrennen 

der Sonne, zu Anfang noch wenig schön klang: 

sie waren so stolz auf diesen Morgengesang. 

Und ihr Stolz trieb sie von Streit zu Streit, 
und die Hühner flohen vor ihnen weit. 

Doch der Hähne Feuer zu tragen 

und im Nacken zu fühlen ihr Schnabelschlagen, 

44 

<"page 49"> 

vergaßen sie Futter und Wasserfaß 
und duckten sich willig ins Gras." 

Peter: 

„War hier im Dorf ein Wettflug ausgeschrieben, 
sind meine flinken Tauben nie im Schlag geblieben. 

Ihr Fliegen, das den Wind besiegte und die Wolken 
mähnte, 

war Grund genug, daß meine Zuversicht sich dehnte. 

Sie flogen an die Küste, wo das große Meer erbraust, 
und über Gipfelbäume, wo der graue Adler haust. 

Im Herz des Himmels war noch größere Gefahr; 
doch ihrer Augen Schärfe und der Schwingen Schrauben- 
gänge 

wuchsen im Wachsen der gezückten Falkenfänge. 

Oft flogen sie zusammen durch das Ziel 

und brachten Gold, das klingend in mein Säckchen fiel." 

Johann: 

„Nein, meine Hähne durften nie den Hofthron verlassen, 
meine geliebten Hahne, schwer und verrückt. 

Sie waren Fürsten zu lieben, zu hassen, 
sie wußten, wie man Volk regiert, beglückt, 
damit nicht die Revolte jäh den Bau zerbricht. 

Und stürzten einmal Glucken bös zusammen, 
ließ gleich der eine Hahn den Säbel flammen 
und hielt Gericht . . . und hielt Gericht . . . 

Ach, warum plagt sie nun der Frost, die Gicht, 

ach, warum schwindet ihre Stimme schon und ihr Gesicht?" 

Peter: 

„Ich pflegte meine Tauben, wie man Kinder pflegt, 
und muß nun doch erfahren, daß sich ihre Wildheit legt. 

Sie haben so lange schon keinen Flug mehr gewonnen. 

48 

<"page 50"> 

0 diese schönen Reisen durch die Wolken, an das Meer! 

0 diese rauschende goldne Wiederkehr! 

Jetzt hängen sie, von Rauch und Staub umsponnen, 
zottig wie welke Blumen am Dach. 

Ihre Schnäbel zupfen zerstreut und ohne Willen 
die schlechten Halme aus den Moosrillen. 

Aus dem langweiligen Schlag 

werden die jungen Weibchen bald wegfahren 

und mit den fremden Täubern sich paaren." 



Johann: 

„Nun meine Hähne auch nicht mehr springen, 

ist es schon gut, sie dem heiligen Amand zu bringen. 

Und ich weiß: auch der Weihrauch färbt ihren Kamm 
nicht mehr rot. 

Denn ich schämte mich tot, 

wenn einer von meinen Hähnen, nach den guten Gebeten, 
aufspränge, das Huhn, das ein Nachbar geopfert, zu treten." 
Peter: 

„Mir würde es auch keinen Spaß machen, 
wenn fremde Hände die Tauben fliegen ließen. 

Man muß jeden Handel mit Vorsicht abschließen, 

Damit uns nicht neidische Nachbarn verlachen." 

Johann: 

,Ja, ja, wir geben Opfer wie Gewinne hin, 
und aus den Gaben wird uns noch ein doppelter Gewinn. 
Denn die Patrone sind uns gut, wenn man zum opfern 
das verbraucht, 

was abgebraucht ist und gebrochen keucht, 
und unsere heiligen Gebräuche 
sind weise und erlaucht." 

46 

<"page 51"> 

IV 

Marianne: 

„Mein Herz war dir schon zugewandt, 

als ich dich im Gehölz dort sah, 

wo deine junge braune Hand, 

dem Himmel furchtlos nah, 

die Axt schwang, daß die Zweige wuchtig fielen. 

Man warnte: mit dem Leben nicht zu spielen! 

Doch du stiegst höher nur empor und nahmst Gefahr 
wie seligen Gewinn. Ich hangte um dein Leben 
und liebte doch zugleich dein sichres Schweben, 
durch Laub und Wind und Wolken sonderbar. 

Und als du niederstiegst aus jenem schwanken 
und luftigen Wipfelbau, 

brachst du aus dem Gewirr der Brombeerranken 

dir eine Blume, um das sanfte Blau 

den Zähnen hinzuzwängen wie Beruhigung." 

Peter: 

„0, damals war ich jung — so jung!" 

Marianne: 

„Das bist du immer noch, wenn du dich nur ermannst!" 

Peter: 

„Nicht nur! Mein Blut hat nie nach deinem Pfiff 
getanzt 

und wird sich auch im Alter nicht den Launen fügen. 

Doch hieß es nicht, sich selbst belügen, 

wenn ich, nachblätternd wie aus einem Buch, 

laut lesen muß, daß weder Streit noch Fluch 

die Jahre, die uns unzertrennlich banden, 

durchtönten wie der Donner, der in andere Häuser brach? 



Gewiß, auch uns kam etwas, das wie Messer stach, 
wir wissen auch nicht, wo wir einmal landen. 4' 
m 

<"page 52"> 

Marianne: 

„Weißt du, weißt du wie mein Bemühen durch die 
Ställe sprang? 

Das Vieh zehrt Sonntags noch yon meinem Überschwang, 
und niemand hilft mir, wenn die Arme schmerzlich 
schwellen. 

Die Streu ist trocken und die Tröge sind wie Spiegel 
blank, 

und aus den Eutern hört die Milch nicht auf zu quellen." 
Peter: 

„Daß deine Tage schwer in Arbeit gehn 

wie die, die andrer Frauen Schwächen überwehn, 

muß ich schon loben; doch ich könnte stolzer schweben, 

wenn deine Hand, die mir gehört, 

nicht immer so gereizt und so verstört 

nach der des Nachbarsohnes würde beben." 

Marianne: 

„Schlägt Eifersucht durch deine Schläfen schon so laut, 
daß dein Erstand nicht mehr der Unschuld eines 
Knaben traut?" 

Peter: 

„Wenn ich dies bloß erwähnte, so geschah es um zu 
lachen 

und deiner Liebe Wildheit zu entfachen." 

Marianne: 

„Man glaubt es innen, was man laut nicht wagt zu sagen." 
Peter: 

„Ich will nur, daß für uns der Acker Früchte reift 
und daß sich ihm nur unsrer Muskeln Stärke steift. 

48 

<"page 53"> 

Dein Vorfahr und mein Vater ließen auch nicht tragen 
von fremden Schultern, was den ihren aufgebürdet war." 
Marianne: 

„Noch nie roch jemand, wo ein Knabe half, Gefahr." 

Peter: 

„Laß andere blind sein. Ich sah in dem Knaben 
den Wolf, der jäh in meine Hürde bricht. 

Und weißt du nicht, 

daß meine Ohren feine Saiten haben, 

wo alles widerklingt, 

was dunkel durch die Räume schwingt? 

Ich weiß, wenn meine Sense durch die Wiesen blitzt, 
daß schon ein anderer weich auf meinem Sessel sitzt 
und daß sein Rock an meinem Nagel hängt; 
weiß, daß er dich vom Feuer drängt, 
hineinzuwerfen meine Scheite, 



und von dem Waschhaus bis zum Stall 
und durch die Abendgänge all 
nicht weicht von deiner Seite. 

Und seine Spuren sind noch warm, wenn ich erscheine, 
und wenn ich müde hinstreck die durchnäßten Beine, 
schlüpft er vielleicht, sich zu verstecken, 
ins Dickicht der Holunderhecken." 

Marianne: 

„Du Narr! Dich sticht die Eifersucht." 

Peter: 

„Wenn sie mich stäche, kam der Bube nicht zur Flucht. 
Ich überraschte euch und wüßte, 

was schon mein Bruder sah, wer dich im Keller küßte." 

49 

<"page 54"> 

Marianne: 

„Des Bruders Augen sehen immer Flammen weiß, 
wo Asche glimmt, und Küsse, wo ein Lachen geht im 
Kreis." 

Peter: 

„Warum ist auf der Tenne Stroh gelegt, 
da doch kein Mensch den Dreschflegel regt?" 

Marianne: 

„Ach, Dummer, unsre Katze wird bald Junge haben!" 
Peter: 

„Warum sieht man dort hinter dem Graben 
die Spur von deinen Schritten andrer Spur so nah, 
wie ich sie nur von Zweien, die sich küßten, sah?" 
Marianne: 

„Ein Hund hat mich verfolgt und sprang mich an 
und zwang mich auf die Knie und biß mich dann!" 
Peter: 

„Wie flog aus deinem Haar die Locke fort, 
die ich zufällig fand, 
als ich am Brunnenbord 
den Efeu tiefer band?" 

Marianne: 

„Seitdem du mir den Spiegel hast zerschmissen, 
hab ich mein Haar am Wässer flechten müssen." 

Peter: 

„Frau, deine List ist spitzer als die Splitter 

des Spiegels, den ich einst zerwarf am Kellergitter!" 

50 

<"page 55"> 

Marianne: 

„Sprech ich nicht wahr, soll mich der Schutzpatron 
verfluchen. 

Doch wenn du Mut hast, kannst du auf der Stelle hier 
die Schränke und die Truhen durchsuchen; 
du wirst nichts finden, was nicht dir gehört und mir. 
Und sieh mein Auge, sieh aufseinen Grund: 



es fürchtet sich vor den Falten um deinen Mund 
mehr, als die Fenster das Gewitter fürchten, das von 
Westen kommt. 

Wir kennen uns genau und wissen, was uns frommt. 
Und Tag wird wieder sein, wo alles Böse in dir schweigt 
und ans Bereuen Träne auf und nieder steigt." 

Peter: 

„0, wie du mir das Bittere des Weines zu versüßen 
weißt, 

den ich aus deinen Händen Tag für Tag empfange. 

Doch wenn durch Zufall, oder wie es sonst noch heißt, 
ich den im Walde irgendwo erschlüge, den ich lange 
schon als den feigen Buhlen meines Weibes meine?" 
Marianne: 

„Ich würde ihn beweinen!" 

Peter: 

„Und wenn ich dann vergesse und das feige und ver- 
fluchte 

Gebaren meines Herzens wieder deine Lippen suchte?" 
Marianne: 

„Ich würde singen, du! Denn du bist ja noch immer der, 
der in mein Herz einst einbrach wie ein Meer, 
als ich dich sah, 

wie du, dem Himmel furchtlos nah, 

51 

<"page 56"> 

die Axt schwangst, daß die Zweige wuchtig fielen. 

Man warnte: mit dem Leben nicht zu spielen! 

Doch du stiegst höher nur empor und nahmst Gefahr 
wie seligen Gewinn. Ich bangte um dein Leben 
und liebte doch zugleich dein sichres Schweben 
durch Laub und Wind und "Wolken sonderbar. 

Und als du niederstiegst aus jenem schwanken 
und luftigen Wipfelbau, 

brachst du aus dem Gewirr der Brombeerranken 
dir eine Blume, um das sanfte Blau 
den Zähnen hinzuzwängen wie Beruhigung, 
und warst so jung, so jung!" 

52 

<"page 57"> 

ßenedikt: 

„Ich weiß es wohl, 

daß meine Beine, die ich blind 

mit meinen langen Händen fasse und befühle 

und sie hinausstreck in die Abendkühle, 

ich weiß es wohl, ich weiß es wohl, 

daß meine Beine dürr und dünn wie Nägel sind; 

und daß ich langsam bin und müde bin. 

Ich weiß es auch, daß all 

die Pfeifchen Tabak, die ich hier 

mit euch noch schmauchen darf, wenn Dunkel spinnt, 



gezählt sind vom Verfall. 

Und dennoch macht es mich nicht heiß, 

daß ich dies weiß, daß ich dies weiß 

Denn niemand sah den Mai vorübergehn 

und den Oktober durch die Bäume wehn, 

wie ich es sah vom alten Treppenflur, 

der meinen Ahnen schon ein guter Ausguck war. 

Und niemand ist, der Erde so wie ich erfuhr 

und lieb hat wie die eignen Augen und das Haar." 

August: 

„Fünf Jahre schlafen deine Söhne schon 
dort auf dem Feld, wo ihre Mutter ruht. 

Und über den drei hochgewölbten Hügeln 
aufloht im Mond der gleiche rote Mohn 
und spannt ein Engel in der Mittagsglut 
die gleichen weißen Marmorflügel." 

Benedikt: 

Um Erde tief zu lieben, muß man einsam stehn. 

Als noch mein Weib und meine Söhne lebten, 
war immer Zwietracht, wo wir rauschend schwebten. 

— Habt ihr das nie erfahren, nie gesehn? - 
53 

<"page 58"> 

Wir stritten um den Dünger, um die Saat, 

um das Gedeihn der Lämmer, um den Tag der Mahd. 

Jetzt fügt die Wirtschaft sich nur meinem Willen. 

Kein Schritt erdröhnt im Feld, 

den ich nicht schreite, um die Erde aufzurillen 

mit fester Faust, die Egge rührt und Pflugschar stellt. 

Bin eigner Herr und bin es, um zu sein! 

Die Saat folgt mir, und ich gehorche blind 
den alten Regeln. Und es bebt kein Halm im Wind, 
und auch kein Baum wiegt sich im Abendschein, 
die wachsend nicht durch meine Hände gingen, 
und klopfend lobt mein Herz, was sie Vollbringen. " 
Jakob: 

„Fürwahr, das ist ein Glück, wer Erde so besitzt!" 
Benedikt: 

„Ganz plötzlich kommt es mir ins Hirn geblitzt, 

daß ich im Mai, wenn Stille noch die Fluren überschweigt 

und nur die Lerche steigt, 

aufs Feld muß gehn, wo sich drei Wege weiten, 

um mir ein Häufchen Erde, drin die Brut 

der ausgesäten Gerste ruht, 

auf meiner Linken langsam auszubreiten. 

Und wenn ich dann das kleine Samenkorn 
betrachte, das sich in der weichen Erde dehnte 
und Regen trank und goldnes Licht ersehnte, 
und sehen muß, wie es mit einem grünen Dorn 
der Schalen rosiges Opal durchsticht, 
fährt ein Erschauern über mein Gesicht: 
daß aus dem armen Keim, kaum auszusprechen, 

Gott und die ganze Schöpfung brechen!" 



54 


<"page 59"> 

Simon: 

„Mag sein, daß uns die Heftigkeit abgeht, 

die dich entfacht, den letzten SchachtderErde aufzuspüren. 

Wir würden auch nicht wagen, Dinge zu berühren, 

die noch das dunkle Los der Keime überweht. 

Die Saat will ruhen, bis sie strahlend aufersteht." 

Benedikt: 

„Wer Erde liebt, muß sie wie eine Frau erfahren. 

Doch prüft, wenn dieses auch die Brust zerreißt, 
ob meine Liebe Lästern heißt: 

Warum stehn Flachs und Erbsen seit zehn Jahren 

auf meinem Feldstück siebenmal so dicht 

wie auf dem Acker dort, den eure Pflugschar bricht? 

Warum steift sich mein Grummet saftiger den Schnittern 
als jene armen Hahne, die auf euren Wiesen zittern? 
Warum geriet nur mir Luzerne da, 
wo früher Farnkraut stand und Erika? 

Und in dem Jahr, als Frost die Blüte von den Bäumen 
schlug, 

war es mein Garten nicht, der Früchte trug, 

drei schöne Apfel, die ich euch auf einem Teller wies? 

Wißt ihr noch dieses? Wißt ihr dies?" 

August: 

„Daß du beweglich bist wie Wasser, das sich Wege bricht 
durch Wurzelwerfc, von Kieselstein zu Kieselstein, 
wer glaubt das nicht?" 

Benedikt: 

„Ich prüfe alle Dinge auf ihr Sein 

und gebe jedem Flecken Feld das ihm Gemäße. 

Weiß um das Werden aller Kreatur 

und sammle, was mir aufgeht aus der Schöpfung Spur, 

55 

<"page 60"> 

wie süße Beeren in Gefäße. 

So wie man über eine Rose haucht, 

daß sie dem Blick ihr Mittelherz entfalte, 

bin ich der Erde nah, die ich verwalte 

und dessen sich mein Witz nicht schämen braucht." 

Simon: 

„Wir haben unsere Geheimnisse und du die deinen!" 
Benedikt: 

„Dort, wo euch Dinge wolkenhaft erscheinen, 

gibt es nur ein Geheimnis, das mich trägt: 

die Erde, die Millionen Leben 

so lebt, wie ich das eine, liebe ich wie meine Hand 

und wie das Blut, das laut durch meine Pulse schlägt. 

Im Mai, wenn neue Knospen himmlisch schweben 
und Sonne auf der Erde steht wie eine weiße Wand, 
fühl ich die junge Saat aus meinem Körper brechen 



und meine Haut zerstechen. 

Ich fühl sie wachsen wie ein zweites Herz, das laut 
durch meinen Busen braust. Und der Geruch von den 
Luzernen 

umweht mich in der Mittagsglut wie ein Gewühl von 
Sternen. 

Mein ganzer Körper ist wie umgebaut, 

und daß ich tanzend nicht die Beine hebe, 

nicht von der Erde in den Äther schwebe, 

ist eure Dummheit schuld, die mein Gefühl verlacht 

und mich zum Narren macht." 

Jakob: 

„Ach, wenn nur jeder das von deiner Fülle nehmen würde, 

was ihm an W7itz und Kraft und Mut gebricht, 

war dieses Dorf nicht mehr wie eine enge Hürde; 

die Scheunen bögen sich und Geldsack sähe Goldgewicht." 

56 

<"page 61"> 

August: 

Ja, alles würde breiter stehn und weiterwehn!" 

Benedikt: 

„Ihr wißt es wohl, daß ich nur dieser eine bin, 
der weiß, wie man die Äcker mit Gewinn 
so zwingt, daß sie allein im All gebieten. 

Und daß euch heute meine Lippen mancherlei verrieten, 

das ohne Heuchelei und Prahlen war, 

geschah, weil über mein graues Haar 

ein Läuten hinfuhr wie von Totenglocken, 

das aussagt: daß ihr langsam seid und müde seid, 

und daß die Stimmen, die ihr hintönt in die Zeit, 

schon leiser gehn und brüchig stocken, 

und euer Mund vergeblich in die Asche faucht, 

wenn Pfeifchen nicht mehr raucht." 

<"page 62"> 

VI 

Der Gärtner: 

„Wo warst du, Schäfer, in gehegter Hirtenpflicht, 
bevor dich heimisch machte unserer Gärten grünes 
Knospenlicht?" 

Der Schäfer: 

„In der Campine, wo Schlehdorn schlechte Wege säumt 
und violette Schatten endlos schweben, 
trieb ich mein Vieh durch magre Gräben. 

Ich war auch dort, wo wildes Wasser schäumt 
im untern Flandern. Schiffe sah ich da 
und Fischerboote, die ins Ferne gingen, 
auf blauer Höhe Aal und Flundern fingen. 

Mit Tau und Segelwerk und Mast und Rah 
bewohnten sie das Meer wie eine kleine 
wild hin- und herbewegte Dorfgemeine. 

0, jenes Land hat nichts als Sand und breite Flüsse, 



gewaltigen Wind und schwere Regengüsse." 

Der Gärtner: 

„Die Erde hier mit Gärten, Laubwald, Ährenau 
hat mich von Kindesbeinen an genährt, gehoben. 

Wohl bin ich grau entrückt; doch alte Kunst zu proben 
fährt meine Hand noch rüstig durch den Rosenbau. 

Ich steife nach der Väter Regeln die gewundenen Ranken 
spalierbreit hoch an allen kahlen Mauerflanken. 

Ich setze meinen Spaten noch wie im Gehilfenjahr. 

Durch meinen Kopf gehn die Gedanken immer klar, 
und lachen muß ich, wenn den jungen Dachsen 
die Weisheit aus den Büchern Hand und Hirn verwirrt. 

Ich kenne das Geheimnis dieses Bodens, habe nie geirrt, 
und meine Füße sind wie Wurzeln fest mit ihm ver- 
wachsen." 

58 

<"page 63"> 

Der Schäfer: 

„Du liebst dein altes Handwerk also immer noch?" 

Der Gärtner: 

„Ich wüßte nicht, daß ich den Händen jemals anderes 
ersann 

als das, was ich vom Vater erbte und verwaltend wahre. 
Sieh, das gerät nur gut, was man von Jugend an 
ausübt und sichtbar weitet mit dem Gang der Jahre." 

Der Schäfer: 

„Mein Vater war erregt und gut zugleich. 

Unstet durchschweifte er die braunen Heideflächen. 

Und kam er heim, ermüdet und mit Atemschwächen, 
sah ihn noch Mittag auf dem Lager abgezehrt und bleich. 
Man kennt den Wind nicht, der sein Leben überwehte, 
weiß nicht, wohin ihn dunkle Welle drehte. 

Der Tod hat seinen Namen ausgemerzt in dem Gedächtnis- 
buch 

der Heimat. Ich nur lade ihn noch manchmal zu Besuch." 
Der Gärtner: 

„Man fühlt schon, daß Oktobersonne durch die breitem 
Kulturen hinschwebt mit verkümmertem Gesicht 
und daß es ihr an goldner Kraft gebricht, 
das saure Herz der Trauben aufzuheitern. 

Bald wird der Herbst aus großen Regeneimern gießen; 
dann muß ich die gläsernen Dächer aneinanderreihn 
und, um dem schwarzbelaubien Lorbeer nah zu sein, 
mich in das Treibhaus wochenlang einschließen. 

Ach, seltne Pflanzen muß man sowie kranke Kinder 
warten, 

mit denen jede Stunde unverhoffte Szenen spielt. 

Der Nachbar, der mich nicht mehr rüstig sieht im Garten, 

59 

<"page 64"> 

hält mich für einen Geizhals, der sein Gold beschielt. 



Doch meine braune, überschwielte Hand 

muß junger Azaleen weiße Hochzeit vorbereiten 

an Tagen, wo der Rauhreif beißt und kriegerische Winde 

schreiten. 

Und ist erwacht der Geranien Purpurbrand, 
der Lilien Inbrunst und der Fuchsien Liebesgraun, 
wird denen Auge offen stehn, die meiner Hände Werk 
miß t raun." 

Der Schäfer: 

„Wir treiben nicht den gleichen Fluß hinab zum Ziel; 
doch müßt ich lügen, wenn ich deine Kunst geringer fände 
als das Bemühen meiner hingeregten Hände. 

Ich bin nicht so wie du umgrenzter Dinge Zwinger und 
Gespiel. 

Ich muß die Brust ins Weite dehnen und dem Tausend- 
fachen nah 

und herrisch sein. Muß mit dem Wind mich messen, 
seine Donner über mich ergehen lassen und vergessen. 
Ach, keine Ebene, die ich auf meinen Wanderungen sah, 
ist so geweitet und durchlebter Dinge schwanger 
wie meine ausgeschwärmten Schafe auf dem Anger, 
wenn über ihre Rücken nach den Abenduntergängen 
die ungeheuren Schatten der Getreideschober ziehn. 

Gewiß, ich habe oft erwogen, in ein Land zu fliehn, 
wo man das Gold aus Steinen schlägt an schroffen Ufer- 
hängen. 

Doch meine Tiere ließen mich nicht fort von hier; 
sie standen näher wie die Menschen mir. 

Ich friere mit, wenn Fieber ihre Augen überfrieren, 

und weiß für jede Krankheit, die sie quält, 

ein Mittel, das erschlaffte Sehnen wieder stählt. 

Und keine Arzenei ist meinen Tieren 
60 

<"page 65"> 

so dienlich wie der Balsam, den ich mir 
aus Scharlachblüten destillier, 
die man in Vollmondnächten pflückt 
und durch ein Menschenhaarsieb drückt." 

Der Gärtner: 

„Man sagt im Dorf, du seist Beelzebub verbunden." 

Der Schäfer: 

„Ich kühle roten Brand, verbinde Wunden 
und weiß auch, was schnell tötet und zerstört." 

Der Gärtner: 

„So ist es wahr, was man zuweilen von den Mägden hört?' 1 
Der Schäfer: 

„Vielleicht seh ich auch hell, denn meine Augen schneiden 
wie Messer durch den schwärzesten Schattenkern. 

Meine Kraft empfange ich von einem blauen Stern." 

Der Gärtner: 

„Wenn ich dein Freund nicht wäre, würde ich dich 
meiden!" 

Der Schäfer: 



„Mein Haus steht jedem, der mich aufsucht, frei. 

Nur wer das Böse will, glaubt noch an Hexerei. 

Oft schwanke ich wie ein Geblendeter durch Birken- 
schneisen. 

Doch wenn mich der geheimnisvolle Ruf beschwört, 
bin ich wie umgewandelt und nicht mehr verstört; 
seh Feuerräder hoch im Äther kreisen, 
die keiner sieht und die nur ich ausdeuten kann. 

Mein Puls klopft fieberhaft und Atemzüge halten an. 

61 

<"page 66"> 

Die Gräser, die ich zart berühre, klingen, 

aus hohlen Weiden wuchtet eine zauberische Hand 

und fuhrt mich wie an einem straften Band 

zum Weiher, wo Gespräche mich zu lauschen zwingen, 

und wenn die Meteore mich mit großen Augen Überwehn, 

muß ich mich in den vorgeschriebenen Figuren drehn." 

Der Gärtner: 

„Warum ist mir nicht jene Macht verliehn: aus dem 
Gestirn 

in Stunden, wo die Nachbarn schnarchen, ferne Zukunft 
zu entwirren?" 

Der Schäfer: 

„Vergnüge dich mit deinen Blumen, laß den Herd 
nicht ohne Flammen. Deine Augen werden nie erfahren, 
was Weiden in dem tiefen W7urzelschacht bewahren, 
was Mond verrät und Schweben der Kometen lehrt. . . 

Die Sümpfe rauchen wie verrückt. Das Weiter wird 
sich ändern . . . 

Leb wohl, mein treuer, branner Gärtner." 

• 

Der Gärtner: 

„Gute Nacht, mein Schäfer." 

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VII 

Vinzenz: 

„Gewiß, ich fühle mich nicht so verwandt 

dem "Weinberg und dem Feld 

und so hineingestellt 

in alles, was einst meinen Vater band. 

Ich weiß auch, daß ich das, was diese anspruchsvolle Erde 
an Kraft bedarf, nicht halb erfüllen werde. 

Mein Vater war im Glauben stark; ich zaudre schwach, 
mein Vater schritt sehr langsam vor; ich stürme jach. 

In seinen Reden war er rauh wie Pappelrinde, 
und was er dachte, flog nicht fort in alle Winde. 

Und an dem Tag, da ihm das Auge furchtbar brach, 
zerrieb er, als man Gerste einfuhr wie auf Kähnen, 
noch eine reife Ähre mit den harten Zähnen. 

Und daß der Körner Härte ihm den Hals zerstach 
und scharfe Hachein ihm den Atem stickten, 



geschah, weil seine Augen weinend auf die Fluren blickten." 
Philipp: 

„Wir handeln alle, wie Gefühl und Lust bestimmen!" 

Vinzenz: 

„Mein Vater haßte die gewaltige Stadt besinnungsdumpf, 
haßte den wilden Lärmdiskant der Riesenläger, 
haßte das bronzene Gebrüll der aufgetürmten Uhren- 
schläger, 

haßte die Fahrt durch den schwarzroten Sumpf 

aus Rauch und Flammen, haßte das Gewühl der Wagen. 

Doch wenn er am Johannistag den Weg dorthin erwog, 

um Ochsen zu verkaufen mit Gewinn, 

ließ er auf seine Ackerstiefel neue Eisen schlagen, 

nahm Erde mit, wenn er hineinfuhr mit den Zehn, 

um in der Fremde noch auf seinem eignen Boden zu stehn. 

63 

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Philipp: 

„Wir handeln alle, wie Gefühl und Lust bestimmen, 
und wissen kaum, daß Nachbarn sind, die besser schwimmen. 
Mein Vater haßte auch und hatte seinen Wahn; 
doch keiner von uns Söhnen fuhr die gleiche Bahn. 

Der eine sah den Hafen, sah das Meer, 
fuhr über den Äquator und fuhr kreuz und quer, 
war Kuli, wurde Trapper und, dem Ziele endlich nah, 
Goldgräber in Amerika. 

Der zweite hat sich in der Vorstadt ein Lokal gepachtet, 
wo Fusel stinkt und schlechtes Bier Verstand umnachtet. 

Der dritte wurde Fuhrmann vor dem Herrn. 

Der vierte ließ sich in ein Bankhaus sperrn, 

wo auf den Tischen, wie er sagt, derPulsdes Weltalls klopf t 

Nur ich allein bin denen treu geblieben, 

die aus dem harten Acker sich ihr Dasein sieben; 

doch keinem Ruf, der Neues bringt, halt ich mein Ohr 

verstopft." 

Vinzenz: 

„Dank deinem Ratschlag grub ich in das Feld 

den scharfen Dünger, den der Chemiker zusammenstellt. 

Und mit Hallo und hellem Peitschenzücken 
ziehn die vier Gäule, stahlst ruft* eingesielt, 
die Mähmaschine auf den Hügelrücken; 
die rasende Maschine, die an einem Tag 
leicht, wie wenn jemand mit der Sichel spielt, 
die Gerste abmäht und den breiten Roggenschlag. 

Ach, lang ist es her, daß Vater, den kein Altern bog, 
mit seinem Weib und uns fünf Söhnen in die Korn- 
mahd zog." 

Philipp: 

„Früh, wenn die Hähne krähen, wird die Milch filtriert, 
wird abgefüllt und ausgemessen in die Kannen 

64 


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von Zink und Kupfer. Und ich laß das Pferd anspannen 
vor meines blauen Wagens Brettgeviert. 

• Und in die Stadt, wo über tausend schwarzen Häusern 
Morgensonne lacht, 

fahr ich die weiße jungfräuliche Fracht. 

Und wo vier Straßen ineinanderbiegen, 

laß ich den Peitschenknall wie Vögelzwitschern fliegen. 

Dann klappern Mädchen mit den Holzpantoffeln laut 

und zeigen weiße Zähne, tun mit mir vertraut, 

als wüßten sie, daß mit der Milch, die meine Hand 

ausgießt, 

ein Stück von meinem Innenleben fließt, 
und daß ich dieser großen Stadt für ihr gemünztes Geld 
hingeben muß die Kraft und den gesunden Saft von 
meinem Feld. 

Und ist mein Werk getan, seh ich die Stadt genauer an. 
Bleib stehn vor Schmieden, wo die schweren Hämmer 
rasen 

und in die rohen Eisenblöcke eine neue Seele blasen. 

0 diese vielen Dinge, die man aus dem Stahl dort 
strecken kann, 

und die bestimmt sind für den Acker, der uns nährt, 
wie bab ich sie studiert und ihren Zweck mir vorerklärt." 
Vinzenz: 

„Hörst du nicht schon das dumpfe Schnauben 
von meiner Mähmaschine, die dort weit mit ihren 
Flügelschrauben 

die Gerste schneidet? Ihre Deichsel ist mit Gold ge- 
schmückt, 

und wenn sie ihre Messer in die Ähren zückt 

mit gleichen Schlägen, bleibt kein Halm mehr stehn. 

Man meint oft einen großen Vogel da zu sehn, 

65 

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der auf der Erde Kreise zieht, die fast ins Blaue schneide 
Nicht wie ein Fremdling, den man fürchten muß, 
erscheint sie mir. Und brachte sie im Anfang noch 
Verdruß, 

kenn ich die Vielzahl ihrer Räder jetzt im Dunkeln, 
und mein Verstand begreift das Gute, das sie schafft. 
Und steht sie abgestellt und kraftlos in der Haft 
der Wagenschuppen zwischen Sense, Axt und Feldgerät, 
mit ihren Schneidezähnen, Walzen, Panzerspeichen, 
scheint mir, daß niemand mehr dort Zwietracht sät 
und daß sie alle einer friedlichen Familie gleichen." 
Philipp: 

„Wer wird noch hassen, was das feurige Gehirn 

der Technik, hinter der gewaltigen Stirn 

der Stadt, sich ausdenkt, durchformt und vollführt? 

Ein Narr, der nicht den steten Wechsel spürt, 
dem alle Dinge untertänig sind und dem die Städte 
der weiche Stoff sind und die willigen Geräte. 



Das Neue, das von dorther zu uns kam, 
erschuf uns klare Augen, helle Bände. 

Und wenn ein Blitzzug einbricht in die Saatgelände, 

muß er die blaue Stille, die er ihnen nahm, 

und auch die Durchfahrt schwer mit Gold aufwiegen. 

Mein Zorn wird nicht zerblitzend in die losen Mäuler 
fliegen, 

die mich Verräter schelten, wenn ich einen Morgen 
von meinem Acker denen, die ihr Geld verborgen, 
für einen teuren Preis verkaufen kann. 

Denn der fuhr immer gut bergan, der sich auf seine 
Zeit besann." 

Vinzenz: 

„Dein Spruch ist klar, und daß er nicht ins Blaue schlägt, 
zeigt mir der Weinberg, der jetzt doppelt trägt, 

66 

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seit du mir beisprangst. Und ich weiß es noch aus 
jenen Jahren, 

da ich die Spur der Ahnen schritt, die diese Wege 
ausgefahren 

und dieses Hauses Schwelle langsam abgenützt, 
daß dem, der sich auf die uralten Regeln stützt 
und seine Hände nach dem Gang der Jahreszeiten regt, 
Verstand nicht folgt, wenn Wind den Schimmel von 
den Feldern fegt." 

Philipp: 

„Der alte Geist der Felder hat sich überlebt 

wie jenes Strohdach dort, das morsch und haltlos schwebt. 

Die neuen Zeiten brachen wie Barbaren ein. 

Doch stehn wir wie ein Dach mit roten Ziegeln 
und wie die Fenster mit den Wetterriegeln, 
wird uns ein Hinbruch nimmer Schicksal sein. 

Feig ist, wer sich verliert, Gemünztes zu probieren; 
doch uns laß er den Glauben, daß für ihn 
der Regen und der Wind, das Licht und Wolken, die 
vorüberziehen, 

noch immer als das alte Schauspiel existieren." 

67 

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DORFGESCHICHTEN 
<"page 75"> 

DER UNENDLICHE ZECHER 
In Flandern lebt ein Zimmermann, 
der jeden Mittag, wenn der Glockenbann 
von Turm zu Turm das Sanklus schwingt, 
wie ein Verrückter in das Wirtsbaus springt, 
zwölf Finten Bier zu saufen. 

Zwölf Finten Bier läßt Zimmermann 



in zwölf gewaltigen Zügen 

durch seine Gurgel laufen, 

und jedem Zuge geht ein Prost voran, 

ein Prost den Dingen, die sich auf der Welt vergnüge 

Die erste Finte ist dem Januar geweiht, 

dem Heiligen im Flockenkleid, 

das rosig scheint wie Blütenflaum 

auf einem Apfelbaum. 

Die zweite Finte wird erhoben, 

Mariä Lichtmeß laut zu loben, 
und daß der Schnee am Wäldersaum 
schon hinfloß wie verwehter Schaum, 
und eine Drossel auf den Giebel klettert 
und lenzliche Gefühle sieghaft schmettert. 

Die dritte Finte, blänkernd wie Metall 
nach einem raschen Regenfall, 
muß den vergrämten März begießen. 

Im März hat sich schon schwarzer Sturm gelegt, 
doch oft geschieht es, daß sich Hagel regt 
und über Felder, die sich kaum erschließen, 
wie Zinken einer Egge fegt. 

April, dir kommt die vierte Finte zu! 

Noch schläft der Wald in brauner Ruh: 

74 

<"page 76"> 

die Gerste aber schärft die grünen Lanzenspitzen, 
das Fell der Erde wütend aufzuschlitzen, 
und lockt die Lerche aus dem Kraut hervor 
und läßt sie hoch ins Blaue reisen. 

Und unten tönen märchenhaft die leisen 
Geläute aus dem Blumenflor. 

Die fünfte volle Finte steigt, 
den Mai zu rühmen, der mit weißen Kerzen 
sich vor den heißentflammten Herzen 
der Mädchen wie vor Heiligen verneigt. 

Und wie ein Herz hebt auch der Zimmermann 

die Pinte hoch empor 

und lacht die Kleinen an, 

die draußen vor dem Gittertor 

im Kreiselreigen springen 

und die unsterblichen Reime der Kindheit singen. 

Du wirst verwirrt sein, schöner Rosenmond, 
wenn Sonne dein smaragdenes Schloß bewohnt, 
und Zäune, die in brauner Anmut standen, 
auflodern wie ein feierlicher Fackelzug. 

Mit deinen purpurnen Girlanden 
verbrämst du noch den letzten Schattentrug 
an Hecken, Tor und Giebelwand. 

Du zauberst rote Disteln aus dem Ufersand, 
und die Verliebten, die durch deine Lauben säumen, 
hast du noch immer vor dem Späherblick geschont. 
Du bist Apoll und Eros, schöner Rosenmond, 
dir soll die sechste Finte schäumen. 



Mein Zimmermann: 

erhebe schnell den neuen Krug 

und leere ihn in einem einzigen Zug! 

Die weiße Julizeit begann 

72 

<"page 77"> 

mit Abenduntergängen ungeheuer. 

Heuwagen, überblitzt vom Sonnenfeuer, 
wehn durch Chausseen wie heißer Atem weiter. 

Der "Wind sprengt wie ein Zirkusreiter 

durch die Gebüsche, wo die Pärchen gehn 

und zitternd sich bereiten, 

tief in den roten Klee zu gleiten; 

die Taumeltrunkenen, die nicht sehn, 

wenn Sense wuchtig durch die Schwaden greift 

und beinah ihre Stirnen streift. 

Wir loben alle den August, der auf dem Feld 

den Roggen hundertfältig schwellt, 

wenn der herabgebeugten Halme Schatten 

wie violetter Flor auf den verstaubten Pfaden ruht. 

Wir loben alle den August, der breite Tropfen Blut 
vom Mohn auf Stirnen träufelt, die ermatten. 

Von all den Ringen, die zum Jahr sich schließen, 
ist er der eine, der das Überfließen 
der uferlosen Ernten halten kann. 

Wir loben ihn und wissen, daß zu seinen Ehren 

der Zimmermann 

das achte Glas muß leeren. 

Das Bier der neunten Finte funkelt blond 

wie das Gewühl der Trauben, das September übersonnt, 

auf den geschwungenen Hügelhängen. 

Du blondes Bier, des Weines Schwesterseele, 

der Mann, durch dessen weite Kehle 

da wild hinabschäumst, weiß von göttlichen Gesängen 

in Zecherlauben, wo der Traubensaft 

das Blut befeuert und die Schläfen schön erschlafft. 

Und weit in südliche Gefilde schwebt 

sein Herz, wenn er die purpurfarbene Pinte hebt. 

73 

<"page 78"> 

Obwohl Oktober schon den schwarzen Regen streicht 
und Nebel in die traurigen Gärten schleicht, 
schallt aus den Schenken, die sich grün bekränzen, 
Gedröhn von wilden Kirmestänzen. 

Der Zimmermann, der dreißig Halbe säuft, 
wenn Kirmesjubel durch die Weiler läuft, 
liebt die robusten Tänzerinnen, 
liebt braune Burschen, die der Polkatakt 
gewaltig packt, 

die Mädchenherzen zu gewinnen. 

Sein Stolz ist: Beispiel diesem Volk zu sein, 



und wie ein Krieger auf dem Feldherrnslein 
steht er gebietend auf dem Faß 
und trinkt das zehnte Glas. 

Wie auch Novemberwinde um die Giebel rasen, 

den Zimmermann glatt umzublasen, 

sind sie zu schwach und treffen seine Beine nie. 

Er hebt die elfte Finte in das Licht, 
und halb im Heben leert er sie 
und schwankt noch immer nicht. 

Die Burschen streicheln ihm den Kopf verstohlen 
und gehn und kommen wieder 

und gehn zurück ins Dorf, des Zimmermanns drei Brüde 

und seine Schwester herzuholen, 

die laut sind, wo der Flegel über Garben läuft, 

und nicht erraten, 

welche Heldentaten 

der Bruder über ihre Häupter häuft. 

Endlich wird ihm die zwölfte Finte aufgefahren; 
und wie er sie erhebt, durchbraust ihn eine Lust 
wie kaum in jungen Jahren. 

Er wirft sich breitgewappnet in die Brust 

74 

<"page 79"> 

und zaudert nicht, die letzte Sprosse zu erklimmen. 

Die Nachbarn würden fluchen, flennen, 
ließ er den sichersten der Siege schwimmen. 

Der närrische Gedanke darf nicht im Gehirn erbrennen! 

Die Hände eisenhart gespannt 

und beide Beine in die Erde eingerammt, 

leert er, mit Recht und Fug, 

dem Weihnachtsfest zur Ehre 

den letzten Krug. 

75 

<"page 80"> 

DIE KÖNIGSKINDER 
Es waren einst zwei Königskinder, 
die trennte ein Gewässer breit; 
und eine Brücke war dort, weit 
am anderen Ende dieser Erde. 

Sie liebten sich, wer wird noch fragen, 
weil Wasser tief war und so breit 
und unten eine Brücke, weit 
am anderen Ende dieser Erde. 

» 

76 

<"page 81"> 

DIE ABGEBLITZTEN FREIER 

Im Rosenmond, wenn in durchwehten Lüften 

der unermessene Glockensonntag tobt, 



sind dir drei Burschen nah, und jeder lobt 
dich, Braune mit den schöngeschweiften Hüften. 

Der erste singt: 

„Und war dein Herz wie jenes Blatt beschwingt, 

das in der Mondnacht in den Gipfelspitzen 

der Eichen hin- und herweht wie ein Blitzen, 

ich würde mit dem ersten Dämmerblau 

und bis zum Frühalarm, den Hähne schmettern, 

von Baum zu Baum, von Zweig zu Zweig hin klettern 

und sieghaft schweben durch den Wipfelbau." 

Der zweite singt: 

,Und wär dein Herz ein Kiesel, der, umringt 

von grünen Tiefen, goldnes Licht gewittert 

und den kein böser Wellenschlag zersplittert, 

ich würde durch das Schlingkraut, durch die Schlucht 

gezogner Fischernetze mich erbosen 

und niedertauchen auf den uferlosen 

geheimnisvollen Grund der Muschelbucht." 

Der dritte endlich singt: 

„Und wär dein Herz, das keiner von den Zweien zwingt, 

die seltne Frucht, die jenseits dieser Dämme 

auf einer Insel, wo Korallenkämme 

aufragen, im Gestrüpp der Sümpfe schwellt, 

ich würde mir ein Schiff zusammenschlagen 

und meine Sehnsucht um die Erde tragen, 

bis mir dein Herz den Weg verstellt." 

77 

<"page 82"> 

Du aber zeigst nur deiner Zähne weißes Blitzen, 
bis diese Freier dunkel stehn und abgewandt, 
und rührst das Knie und hebst die Hand 
tanzend vorüber auf den Holzschuhspitzen. 

78 

<"page 83"> 

GEHT FORT VON HIER 

„Geht fort von hier, geht fort von hier, 

Herberge gibt den Vogelfreien nur Quartier." 

„Gehört sie uns, gehört sie uns 

nicht schon seit dreimal hundert Jahren? 

Gehört sie uns, gehört sie uns 

nicht von dem Tor mit schweren Riegeln 

bis hoch zu den geschwärzten Ziegeln?" 

„Geht fort von hier, geht fort von hier, 

Herberge gibt den Vogelfreien nur Quartier." 

„Wir wissen gut, wir wissen gut, 

daß da schon Sprünge sind und Lücken, 

und haben Mut, und haben Mut, 

die alten Löcher auszuflicken 

vom Keller bis zum Giebelrücken." 

„Geht fort von hier, geht fort von hier, 

Herberge gibt den Vogelfreien nur Quartier." 



„Wir lieben die, die dunkel ruhn 

in Särgen unter den Melissen; 

beneiden die, die dunkel ruhn 

und in des Dunkels Gruft nicht wissen, 

daß uns Revolten schon die Brust zerrissen." 

„Geht fort von hier, geht fort von hier, 

Herberge gibt den Vbgelfreien nur Quartier." 
„Das Recht bleibt stehn, das Recht bleibt stehn, 
daß wir uns mit dem Adler schmücken. 

Das Recht bleibt stehn, das Recht bleibt stehn 

79 

<"page 84"> 

nach den Gesetzen, die uns mehr beglücken 
als volle Säcke, die nur Schwielen drücken." 
„Geht fort von hier, geht fort von hier. 

Gesetz und Recht verlachen wir! 

Geht fort von hier, geht fort von hier 
und wißt, 

daß unser Recht der Hunger ist." 

80 

<"page 85"> 

DIE ENTFLAMMTE MAGD SINGT: 

Komm, Wind! und löse meiner Haare Band, 
auf daß mein Liebster aufgeh in dem Brand. 

Du, blanker Tau, besprenge meine Hände 
mit Duft und Blüten, daß ein Wünscheheer 
sie durch die schwarzen Fensterrahmen quer 
hinzerre in den Wachtraum der Gelände. 

Der Regen soll mir so die Augen streichen, 
daß sie wie weiße Diamanten stehn 
und alle Dörfer, die sich hell vorüberdrehn, 
in meines Herzens Feuersbrunst erbleichen. 

Du aber, Sonne, mußt mein Haupt umzucken 
und meine Brüste härten wie Metall, 
wenn Männerarme mich im Überfall 
jäh in die süße Bucht der Kußnacht ducken. 
Komm, Wind! und löse meiner Haare Band, 
auf daß mein Liebster aufgeh in dem Brand. 

81 

<"page 86"> 

DER PANTOFFELMACHER 

Der Heiligen mit dem durchbohrten Herzen 

glühn blutigrot drei Opferkerzen, 

da in des Weibes Armen still 

Pantoffelmacher sterben will. 

Und Kindsvolk kommt in hellen Haufen 
vom Schulhaus hitzig hergelaufen 
und klappert einen Abzählkreis 
mit den Pantoffeln schwarz und weiß . . . 



„Still, still, mein Mädchen! Schweig, mein Bube! 
Ach, hier in dieser dunklen Stube 
faucht einen braven Handwerksmann 
der Tod mit bösem Atem an. 4' 

„Nein, nein, mein Weib! Wenn Glocken schlagen, 
die meine Seele gottwärts tragen, 
muß auf dem braunen Straßenkreis 
Pantoffel klappern schwarz und weiß." 

„Wenn Lärm und Staub die Stille stören, 
wird niemand mehr den Priester hören, 
nicht hinknien, wenn das Glöckchen schellt 
und Kerzenglanz das Zimmer hellt." 

„Viel Schuhe, schön aus gutem Holz geschlagen, 
stehn aufgereiht dort in den Schrägen; 
ich will, daß Klappern geht im Kreis 
von den Pantoffeln schwarz und weiß." 

„Ach, wer kann da Gebete sprechen, 
wenn die Geräusche unterbrechen, 

<"page 87"> 

was leise von den Lippen bebt 
und so wie Gottes Taube schwebt." 

„Ich höre schon durch blaue Weiten 
mein Herz die letzte Brücke überschreiten, 
wie wenn ein Klappern geht im Kreis 
von den Pantoffeln schwarz und weiß." 

„Wenn durch der Straßen banges Stöhnen 
die harten Holzpantoffeln dröhnen, 
singt dir kein Engel, tröstlich nah, 
das himmlische Halleluja." 

„Laß Glocken ruhig Sterbechöre schlagen, 
ich ruhe schon im goldnen Himmelswagen, 
der donnert durch den Sternenkreis 
wie Klappern von Pantoffeln schwarz und weiß." 
83 

<"page 88"> 

DAS GOLD 

Verwahr es gut, verwahr es gut: 
vielleicht belauscht uns einer schon. 

Verwahr es gut, verwahr es gut: 
ich habe Angst, mein Sohn, 
daß Sonne, die durchs Fenster schielt, 
das Gold uns stiehlt. 

Verwahr es gut, verwahr es gut: 
nicht hier, doch unter den Getreidesäcken, 
nicht hier, doch in den Kellerecken 
im Bohnenstroh, 
im Torfmull wo; 

man weiß es nicht, man weiß es nicht, 
wo Dieb zuerst einbricht. 

Besucht uns Tag, besucht uns Nacht: 
gib acht, 



daß niemand dort das Tor aufmacht. 

Bleib ruhig stehn, bleib ruhig stehn. 

Ich höre Schritte gehn, 
ich höre Atem wehn. 

Hörst du es nicht, hörst du es nicht? 

Man fingert an die Fensterscheiben, 
man will ein Eisen in das Türschloß treiben. 

Hörst du es nicht, hörst du es nicht? 

Ich werde niemals ruhig bleiben. 

Man meint mich alt, man meint mich alt, 
doch wer hat sich wie ich so in Gewalt, 
zu hören, wie die Totenuhren pochen? 

Und braust nicht, daß ich wachsam sei, 

84 

<"page 89"> 

vom Abend bis zum Hahnenschrei 
die Gicht durch meine alten Knochen? 

Verwahr das Gold, wo Holzwurm schurrt, 
und brumm, wie wenn der Hofhund knurrt, 
der lange Schatten kommt schon näher. 

Siehst du nicht da im Schlüsselkreis 
ein Auge weiß, ein Auge weiß 
gierig auf unsre Hände spähen? 

Das Dunkel bleicht, das Auge weicht. 

Die Ratte, die uns narrte, schleicht 
zurück über die Holzgerüste. 

Der Schlaf kommt schnell, mein Kopf geht schwer. 
"Wer wohl schläft ruhig ein, wenn er 
sein Gold nicht unter den Kissen wüßte? 

Ach, wenn das Gold doch mein geschundener Körper 
war! 

85 

<"page 90"> 

JUNGE MÄGDE 

Komm her, geht quer, 

geht einzeln oder Arm in Arm 

und löst euch, aus dem Schwarm 

zurückzukehren, 

da tausend Wege diese Erde überqueren. 

Komm her, geht quer, 
geht Tag für Tag die Woche lang 
von Zaun zu Zaun, von Hang zu Hang 
die Wege quer in Wiederkehr. 

Doch Sonntags streift 

euch über Glieder, blank geseift, 

der Röckchen steifes Weiß. 

Geht quer und geht im Kreis, 
ergeht euch vor den Lauben, 
ihr Mädchen, frisch und flink wie Tauben. 

Dort wird die Schar 

der braunen Knaben stehn, 



und auf dem Rasen strähnt sich Schattenhaar. 

Kommt her, geht quer, 

auf daß euch irgendwer 

da unter den Cezweigen 

herumreißt zum Quadrillentakt der Geigen. 

Kommt her, geht quer und tollt euch aus, 

der Tanz ist wild wie Sturmgebraus, 

berührt, verführt und will verwehen. 

Tanzt so, daß Tänzer, die euch küren, 
das Klopfen eurer Brüste nur verspüren; 
denn eines Tages kann geschehen, 

86 

<"page 91"> 

daß der, dem ihr den Mund hinhält, 
das Herz mit Eifersucht euch gällt. 

Doch heute noch: kommt her, geht quer, 
am Zaun vorbei, durchs Ährenmeer 
und packt die Milchgeschirre gut. 

Schon schwillt vom Waldrand graue Flut, 
und abendgoldner Herde ist der Frieden 
strohwarmer Ställe schon beschieden. 

Kommt her, geht quer, geht gut und ruht. 

87 

<"page 92"> 

DIE WIESE 

Ruhn drei Mädchen hinterm Mühlenwehr 
mitten in dem Margaretenmeer; 
sind verliebt und lachen 
über lauter dumme Sachen. 

Wird der Wind sich wohl bemühn, 
von den Wangen, die geladen glühn, 
zu erfahren, was die flinken Zungen 
so zum Zwitschern hat gezwungen? 

Tausend Dinge kramt die erste aus, 

stockt und zieht verwirrt die Stirne kraus, 

fliisterts allen in die Ohren: 

daß sie gestern abend jagen ging 

und den Wänderschwarm ganz leise fing, 

der sich im Gehölz verloren. 

Und die zweite will nun auch nicht ruhn, 
weiß mit Blicken, die gewitzigt tun, 
weiß mit Worten schön zu prahlen: 
welche Mühe Hühnerzüchten macht, 
wenn der Regen auf die Dächer kracht, 
wenn die Fröste Blumen in die Fenster malen. 
Ach, die dritte wird schon nicht mehr laut, 
Widerrede hat ihr Mundwerk zugebaut, 
lustlos läßt sie ihr Gespräch verfließen . . - 
Plötzlich trappeln Schritte über den Weg, 
nähern sich dem Wiesensteg, 
wo die Mädchen sich dem Grün erschließen. 



Nah vom Dorf drei Burschen blank und braun 
wandern stumm vorüber an dem Zaun, 

88 

<"page 93"> 

wo drei Mädchen, die sie da nicht ahnen, 
mit den Augen hell zur Einkehr mahnen. 

Hoch am Himmel jäh ein Schatten zackt 
über Burschen, die kein Umschaun packt. 

Und drei Mädchen stehn erbost am Hügel, 
bis die Nacht herabschlägt schwarze Flügel. 

89 

<"page 94"> 

TANZ DER GREISE UND GREISINNEN 
„Heraus, ihr Pfründner, schwingt das Bein! 
der alte Tod zog querfeldein. 

Daß heiße Lust euch übermannt, 
schäumt reifer Sommer durch das Land. 

Mit wilden Lippen küßt er fort, 
was schwärend euren Saft verdorrt, 
und eurer Augen blindes Grau 
klärt Glanz und uferloses Blau. 

Der alte Tod zog querfeldein, 

heraus, ihr Pfründner, schwingt das Bein!" 

„Ach, ach, was sind wir krumm und dumm, 
die Gicht hackt uns in Kopf und Bein herum, 
und unsre Blicke sind zu schwach 
und ganz entwöhnt dem Goldgelach. 

In Stirn und Busen hat sich schon 

das Müdsein eingenistet; Feuer ist entflohn. 

Der Herzen Enge faßt es kaum, 

weiß nicht mehr, was Erinnern ist, was Traum. 

Die Gicht hackt uns in Kopf und Bein herum, 
ach, ach, was sind wir krumm und dumm!" 

„Aus eurem Spittelgärtchen schwillt, 
ein Feuer, das erschlaffte Muskeln stählt. 

90 

<"page 95"> 

Und junger Efeu überspinnt 
Verfall, der aus der Mauer rinnt. 

Seht, selbst den greisen Rosenbaum 
krönt noch ein roter Knospenflaum. 

Der Laube Doldenbunt fährt euch fürwahr 
wie eine Schmeichelhand durchs Haar, 
und was erschlaffte Muskeln stählt, 
ist Feuer, das aus eurem Gärtchen schwält." 

,Ja, ja, man reckt schon Hand, auf daß sie pflückt, 
was dunkelste Erinnerung schmückt. 

Und wär es eine Rose bloß, 

die man sich zog mit eignen Händen groß. 



Und wie Geschwister, eins in Schritt und Wort, 
möcht man spazieren bis zum Brunnenbord, 
zu schauen, wie der Phlox gerät 
und sich mit jeder Morgenröte voller bläht. 

Ja, ja, man reckt schon Hand, auf daß sie pflückt, 
was dunkelste Erinnerung schmückt." 

„Grüßt euch der Gang der Buchen dort, 

dann bleibt nicht stehn, schiebt schnell das Gatter fort 

und sucht den Pfad der Kindheit auf, 

der eure Pulse hetzt zu schnellerem Lauf. 

Kommt Glockenton euch zugeweht 
von Dörfern, wo schon Abend steht, 

<"page 96"> 

ach, eine Glocke zieht den Ring 
da, wo einst eure Wiege ging. 

Schiebt trotzigwild das Gatter fort, 
grüßt euch der Gang der Buchen dort." 

„Ach, wenn wir unser Dörfchen schaun, 
wird Lust gewiß die Qual verbaun. 

Aus jedem Stein am Haus wird uns 
die Süße eines Mutiermunds, 
kommt aus dem Aschenrest im Feuerloch, 
vom Nußbaumschrank, aus Wurmgepoch, 
von Stühlen, braun und ausgeflickt, 
vom Gnadenbild, das simsher nickt. 

Ach, wenn wir diese Dinge schaun, 
wird Lust die Qual gewiß verbaun." 

„Nun hört: wir feiern Kirmes hier, 

die in die Beine fährt wie Wahnsinn schier." 

„Ach, sagt uns, wie man Tanzbein stellt, 
daß niemand uns für Narren hält. 

Ja, früher war man noch nicht krumm, 
trank hundert Glas, warf Berge um. 

Und aus Klarnett und Brummbaß sprang 
des Tanzes höchster Überschwang. 

Und Lieder waren: so voll Lust, 

als tönten Harfensaiten aus der Brust. 

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Ach, sagt uns, wie man Tanzbein stellt, 
daß niemand uns für Narren hält." 

„Heraus, ihr Pfründner, schwingt das Bein! 

Der alte Tod zog querfeldein. 

Was liegt daran, daß Dudelsack 

heut nicht mehr brummt den alten Takt. 

Der volle Schwung, der Leben heißt, 
ist Jugend, die unendlich kreist. 

Weht nur ein Funken Hofinung wo, 
wird jedes Herz schon heil und froh. 

Drum all ihr Pfründner, schwingt das Bein! 

Der alte Tod zog querfeldein!" 



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DER FÜHRMANN 
Fuhrmann du, 

hebe mit ruhiger Hände Gleichgewicht 
dein Glas in das Licht. 

Hebe dein Glas, 

das "Wasser, das Hopfen 

und Gerste von Flandern faßt. 

Hebe dein Glas, 

auf daß dir aus jedwedem Tropfen 
Erinnerungen als Gast 
ans Herztor klopfen. 

Gerste und Hopfen durchführen, 
bevor sie in Flaschen gezwängt, 
die Erde auf Wurzelwerkspuren, 
wo Saft alle Keime ans Lenzlicht drängt. 

Fuhrmann, wie du 

sahen sie nichts von der Welt 

als das unendliche Feld, 

das Alost und dort dein Termonde 

umgittert mit saatgoldner Ruh. 

Sie haben wie du den Regen getrunken, 
die Sonne geküßt 

und sind in das Nachtmeer gesunken. 

Und nun, mit dem Wasser des Flusses gemischt, 
sind sie das Bier im Haus, 
das deines robusten Körperbaus 
Durstigsein stillt. 

Fuhrmann du, 

hebe mit ruhiger Hände Gleichgewicht 
dein Glas in das Licht. 

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Fordere und hebe im Schwung 

das zweite Glas; 

weih es der "Wirtin jung, 

die hurtig über des Hauses Schwelle 

dir hinreicht das helle 

und goldkühle Naß. 

Denn so wie die Gerste, der Hopfen, 
entwuchs dieses Weib 
Flanderns fruchtbarem Leib. 

Aus der Felder Saft und der Bläue Glut 

kam ihr die Kraft ins heiße Blut, 

wusch sich in des Flusses Krümmung die Augen klar 

und reift wie die Ähren im Erntejahr. 

Fuhrmann du, 

leere mit ruhiger Hände Gleichgewicht 
dein Glas und vergiß mir die Heimat nicht. 

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DER ZUG DER TOTEN 
Am Pfarrhaus muß die lange Keil» 
der Toten aus dem Dorf vorbei. 

Der kahlen Särge Zug zu sehn, 
läßt Tischler Leim und Hobel stebn. 

Des Pfarrers Köchin, kugelrund, 
hängt aus dem Fenster ihren losen Mund, 
und des Hausierers böser Brut 
stockt einen Augenblick Zerstörungswut. 

Im Torweg hockt der Lumpenmann 
und brennt sich schnell ein Pfeifchen an. 

Der Tote aber auf dem Rücken liegt, 
von Stroh und Spänen bös bekriegt. 

Und jeder sieht und fühlt mit Graun, 
wenn spitze Knochen an die Sargwand haun. 

Kein Sarg ist richtig abgepaßt, 
manch einer kaum die Beine faßt. 

Und jeder Träger schiebt ein andres Schulterstück 
der Bahre hin und schwankt verrückt. 

Vom Rattenbaum, dem Kreuzwegfluch, 
kommt Wind und zerrt am Leichentuch, 
daß dieses Kastens schwarze Gicht, 
gespenstisch aufpfeift in dem grellen Licht. 

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Man sieht die Nägel in dem Brettgeviert, 
das Kruzifix und fühlt: der Tote friert; 
weiß, daß er nicht ein Hemd anhat 
und daß er krumm und knochenglatt 
dem Herrgott seine Sünden beichten muß, 
wenn die Posaune dröhnt den großen Schluß. 

Der Totenzug passiert ein Wiesenstück, 
wo sich ein Kloster wiegt in Gold und Glück. 

Ach, dieses Toten Sense fuhr 
auch einmal dort die Ährenspur. 

Schnitt Gerste im August und Korn 
und schlief des Mittags unterm Hagedorn. 

Sprach abends mit den Gräsern, mit dem Wind, 

sprach leise wie zu einem Kind, 

und trug vom schwarzverbrannten Feld 

ein wenig Asche heim wie gutes Geld, 

um dieser Schollen kargen Schatz 

zu fühlen in dem Hosenlatz, 

wenn nachts um eines Feuers Ring 

des Plauderns Märchensegler ging. 

Ja dort, wo drei Zypressen stehn, 

ist schon der Acker, kaum vorm Buchs zu sehn. 

Der Küster hackt die Erde auf 

und scharrt den Ackersand zuhauf. 

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Weil seine Schwäher ihn nicht zeitig rief, 
geht ihm die ganze Arbeit schief. 

Sein Blut kocht wie im Säuferwahn, 

sieht er den Leichenzug von weitem nalm. 

Verflucht den Toten dutzendmal, 

der ihm den schönen Traum wegstahl, 

flucht, weil ihm Schweiß vom Stirnbein kocht, 

und spuckt zuletzt ins Grubenloch. 

Nun knirscht schon Schuhwerk vor dem Tor; 

da schnellt der Totengräber vor 

und reißt die erznen Gitter weit — 

die Kreuze stehn wie Brüder zum Empfang bereit. 

Grau ist der Himmel, und Orkan erbraust, 

wenn Sarg dann in die Grube saust, 

mit hänfnen Stricken rings umschnürt, 

von Totengräbers Hand geführt. 

Und niemand weint hier wilden Schmerz 
um ein gebrochnes liebes Herz. 

Mit ungeheuer schwarzen Flammen 

stürzt über Sarg und Saat der Raum zusammen. 

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INHALT 

DIE WOGENDE SAAT 
OSTERN 7 

DIE LANDSTRASSEN 10 
DIE ROGGENMIETEN 13 
GEWITTER 16 
DIE SCHATTEN 17 
DIE BÄUERIN 18 
DER GESANG DES WASSERS 20 
DIE STATTLICHE MAGD 23 
DER SPIELMANN 25 
TITYR UND MOELIBE 27 
• LÄNDLICHE GESPRÄCHE 

I 33 

II 39 
m 43 
IV 47 
V. »3 

VI 58 

VII 63 

DORFGESCHICHTEN 
DER UNENDLICHE ZECHER 71 
DIE KÖNIGSKINDER 76 
DD2 ABGEBLITZTEN FREIER 77 
GEHT FORT VON HIER 79 
DIE ENTFLAMMTE MAGD SINGT 81 
DER PANTOFFELMACHER 82 
DAS GOLD 84 
100 



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JTJNCE MXGDE 86 
DIE WIESE 88 

TANZ DEB GREISE UND GREISINNEN 90 

DER FUHRMANN 94 

DER ZUG DER TOTEN 96 

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Gedruckt in der Offizin 
W. Drugulin Leipzig